Zeitung Heute : Berufskleidung: Wer möchte schon jeden Tag gleich aussehen?

Christof Schössler

Jeden Morgen quält das Land millionenfach die gleiche Frage: Was ziehe ich an? Mit bangem Blick posieren Frauen ebenso wie Männer vor den heimischen Ankleidespiegeln und überprüfen das gewählte Outfit mit dem zu erwartenden Tagesablauf. Geht grün zu rot, passt kariert zu gestreift? Die Garderoben-Prozedur nimmt einen dominanten Platz im morgendlichen Zeitplan vieler Werktätiger ein. Und das nicht ohne Grund: "Im Berufsleben spielt das Outfit eine wichtige Rolle", erklärt Professor Dr. Peter Zec, Leiter des Designzentrums Nordrhein-Westfalen in Essen. Die typgerechte Wahl der Montur sei ein entscheidender Wohlfühlfaktor und mit ausschlaggebend für die Leistung am Arbeitsplatz. Dabei hat beinahe jeder Job eine Art der Berufskleidung. Der Manager absolviert sein Tagespensum überwiegend in Kombination oder Anzug. Der etwas auf sich und seinen Berufsstand haltende Oberkellner kredenzt im Frack. Allerdings gibt es eine ganze Reihe von Berufen, bei denen sich die Qual der Klamottenwahl am Morgen von selbst erledigt - für die Träger von Arbeitskleidung. Köche, die in Jeans und Polohemd den Löffel schwingen? Heizungsmonteure in schnieker Bundfalte? Stewardessen, im tief dekolletierten Trägerkleidchen? Undenkbar. Viele Berufe identifiziert man mit einer bestimmten Form von Bekleidung. Autoschlosser mit dem Blaumann, Ärzte und Apotheker sind nicht nur umgangssprachlich so genannte "Weißkittel", Portiers erwartet der Hotelbesucher in einer tadellosen Hausuniform. Eine spezielle Form der Arbeitskleidung setzt Signale: Woran sonst erkennt schließlich jedermann einen Polizisten, Briefträger oder Schornsteinfeger? Hauptsächlich an der Kleidung. Und dies, ob es dem Träger passt oder auch nicht - im wahrsten Sinne des Wortes. Dabei geht es meistens gar nicht um Wiedererkennung, sondern schlicht um die Erfüllung von strengen Richtlinien für Schutz, Unfall oder Hygiene. Ein Anforderungsprofil, bei dem der persönliche Geschmack in den Hintergrund tritt.

Die Kreativen der Modebranche konstatieren, dass beruflich veranlasste Beinkleider und modische Akzente heute keine zwei unvereinbare Welten mehr sind. Diese Gestaltungsnische lag in den Ateliers der tapferen Modeschneiderlein allerdings lange brach. "In der Vergangenheit ist dieses Thema an den Hochschulen etwas stiefmütterlich behandelt worden", bedauert Professorin Tuula Salo das Versäumnis. Die gebürtige Finnin unterrichtet Modedesign an der Fachhochschule Hannover. Ihre Erklärung: "Für viele junge Designer ist es natürlich erst einmal verlockender, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen und alle kreativen Energien in extravaganter Abendrobe zu verwirklichen." Als einsame Ruferin in der deutschen Modewüste für Berufsbekleidung hat die Dozentin dieses Thema nun als eigenen Bestandteil in den Unterricht integriert. Die Entwürfe ihrer Schützlinge zeigen ihr, dass selbst bestimmten gesetzlichen Richtlinien unterworfene Arbeitskleider peppige Kreativität nicht zwangsläufig blockieren müssen. "Und wo steht denn geschrieben, dass man mit Arbeitskleidung nicht kreativ umgehen kann?", fragt Professorin Salo provokant. Natürlich seien hier die Vorgaben bei Schnitten und Materialien enger, "aber für einen Designer darf das kein Hindernis, sondern muss Herausforderung sein."

Auch wer im Job weitgehend auf seine berufsbedingte Uniform angewiesen ist, möchte nicht jeden Tag gleich aussehen. "Mit wechselnden Kombinationen aus Jacken, Hosen, Röcken, Blusen oder Pullis lässt sich immer wieder ein anderer Look erreichen", ist sich Heidrun Weber-Lothe, Designerin und Inhaberin der Firma Protex Textil Design in Itzehoe sicher. Schon Kleinigkeiten, wie etwa farbige Seidentücher zum Kostüm, könnten schon für ein neues Aussehen sorgen. Gemäß dieser Devise kleidete ihr Haus das Personal des "Dorint" Hotels in Weimar neu ein. Passend zum edlen Ambiente der edlen Herberge entwarf das Team eine Kollektion in Schwarz mit schwarz-gelben Accessoires. Moderne Schnitte und neue Längen sollen die ehemals dröge Berufsmode auch auf den zweiten Blick nicht mehr als solche erkennen lassen. Und die Damen am Empfang oder im Service-Bereich haben die Möglichkeit individuell zu variieren und dennoch als Dorint-Angestellte für die Gäste erkennbar zu sein.

Auch Anbieter von Berufsbekleidung, die ihre Dienstleistung im Leasing-System offerieren, haben die Zeichen der Zeit längst erkannt. So präsentierte Branchenplatzhirsch, die Boco GmbH aus Hamburg, jetzt zum ersten Mal Business-Kostüme und -Anzüge aus Wolle mit Lycra im Mietservice. In Kombination mit verschiedenfarbigen Hemden, Poloshirts, Pullovern, Tüchern und Krawatten, lassen sich so individuelle Kollektionen im Firmenstil immer wieder neu kombinieren. Das ist wichtig für die Motivation der Mitarbeiter. Wer möchte schon jeden Tag gleich aussehen?

Nicht nur Aspekte wie Funktionalität und Zweckmäßigkeit bestimmten heute die Auswahl der Berufsbekleidung. Auch die so genannte "Corporate Fashion" hat sich geändert. Durch die modebewusstere Form der Kleidung wird die Einstellung und Haltung sowohl des Unternehmens als auch die des Mitarbeiters zum Ausdruck gebracht", fasst Design-Professor Peter Zec die Entwicklung zusammen. Die Kreativen aus Essen, die sich selbst mit der Entwicklung von Design im Alltag befassen, ließen ihre 70 eigenen Mitarbeiter von der Wattenscheider Firma Steilmann einkleiden. Damit nutzten sie das Know-how eines der bekanntesten deutschen Modedesignerhauses, das auch eine eigene Berufskleidungslinie entwickelt hat. Wichtigste Anforderung: Trotz aller Wiedererkennbarkeit soll beim Mitarbeiter keinerlei "Uniformgefühl" auftreten. Zec: "Kleidung ist Psychologie und darf nicht reflektionslos behandelt werden. Sie ist Ausdruck von Persönlichkeit und Individualität."

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