Zeitung Heute : Bescherung im Akkord

LENNART PAUL

Unter Profi-Weihnachtsmännern: "Schau mich nicht so böse an"LENNART PAULBei uns zu Hause lief das so ab: Nach dem weihnachtlichen Teetrinken verabschiedete sich unser Vater - dringende Erledigungen.Eine Kinderewigkeit später stand er wieder vor der Tür, mit Jutesack, rotem Kittel und dünnem Vollbart.Nie hatte uns jemand eingeredet, es gebe den Weihnachtsmann, immer wußten wir, wer da ins Zimmer polterte.Und doch kamen Zweifel.Aber es gab einen Trick, einen Punkt, an den man den Blick heften konnte: die Armbanduhr unseres Vaters, die jetzt der Weißbart trug und die uns verriet, daß wir gerade das beste Spiel des Jahres spielten. Für die Berliner Kinder, zu denen Weihnachtsmänner der studentischen Arbeitsvermittlung Tusma kommen, wird es ernst.Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als an den Weihnachtsmann zu glauben.Wenn es an der Tür klingelt, steht da schließlich ein Fremder im roten Mantel.Die Eltern (oder zumindest der verbliebene Erziehungsberechtigte) sitzen samt Omas, Opas, Onkels und Tanten im Wohnzimmer.Und eine Armbanduhr trägt der Weihnachtsmann auch nicht.Keine Uhren am Handgelenk, das hat er bei der Weihnachtsmannschulung im Uni-Hörsaal gelernt. Die Filmemacher Michael Chauvistré und Andreas Taglinger begleiteten im vergangenen Jahr drei studentische Weihnachtsmänner.Sie beobachteten die Festboten und Akkordarbeiter bei der Vorbereitung auf ihre Rollen, vor allem aber bei ihren Siegen und Niederlagen als Familien-Beglücker am Heiligabend.An ihrer Seite dringen wir vor bis zum Kern der deutschen Weihnacht, gelangen in die guten Stuben und direkt unter die geschmückten Bäume. Vor 17 Jahren gab es einen Film, der den Deutschen bis an ihre spanischen Strände und in ihre heimischen Schlafzimmer hinterherkroch."Deutschland privat", der späte und beste Aufklärungsfilm über heimliche heimische Leidenschaften, brachte Super-8-Exhibitionisten landesweit in die Öffentlichkeit.Mit dem Besuch am Heiligabend werden wir zu Voyeuren ähnlich intimer Rituale.Ein Weihnachtsmann ist mit seiner Engel-Assistentin im Berliner Wohlstandsgebiet rund um den Zehlendorfer Mexikoplatz unterwegs, beschenkt geschniegelte Kinderchen, die sich sittsam zum festlichen Chor aufstellen.Schwerer hat es der Weihnachtsmann auf Innenstadttour.Die Vorgespräche mit seinen Kunden waren erste Warnung: "Der Kleine ist im Moment rotzfrech", hörte er da: "Der sagt, wenn der Weihnachtsmann kommt, dann trete ich ihn." Hier wird der Mann mit der Rute vor allem von den Eltern erwartet.In engen Wohnungen hört der verkleidete Student von Omas, denen kleine Enkel das Ohr blutig gebissen haben, zaubert verdutzt Riesenknochen für die Hunde aus dem Geschenkesack, während zum Dank Büchsenbier gereicht wird. "Schau mich nicht so böse an" ist ein Schnellschuß.Die Weihnachtsmänner begleitet, die Kamera draufgehalten, fertig.Vielleicht sind gerade deswegen alle Stimmungen eingefangen, die nun mal zum Fest gehören: Beschaulichkeit und Betulichkeit, Aufregung und Angst, Familieneintracht, die hinter dem Rücken des Weihnachtsmannes in Zwietracht umschlagen kann.Seltsam verloren wirken die Geschenkebringer beim gemeinsamen Anstoßen nach bewältigter Tour.Sie sind die wahren Weihnachts-Verweigerer.Sie haben sich ihren Platz im Zentrum des Festtags-Taifuns gesucht - verschont vom Zwang, mit ihren eigenen Familien zu feiern.

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