BESETZUNGSzettel : Gespür für Konventionen

Carsten Niemann weiß ein Mittel gegen Doublettenalltag

Carsten Niemann

Während die Staatskapelle auf Südamerikatournee weilt, erhalten die Akademie für Alte Musik, der RIAS-Kammerchor und René Jacobs die viel zu seltene Gelegenheit, in angemessenem Rahmen Musiktheater in historischer Aufführungspraxis zu präsentieren. Jacobs hat an der Lindenoper schon die Lebensfähigkeit so mancher unbeachteter Barockoper unter Beweis gestellt: Sie zeigten, dass ein Mittel gegen Doublettenalltag und erstarrtes Repertoire nicht erst erfunden werden muss.

Inzwischen greift allerdings auch er gern zu etablierten Klassikern des barocken Repertoires. Dazu zählt Händels Oratorium Belshazzar, das vom Komponisten als eine Art „Musiktheater im Kopf“ ohne Rücksicht auf die damals herrschenden Bühnenkonventionen geschrieben wurde – und genau deswegen den dramaturgischen Bedürfnissen des 20. Jahrhunderts besser entgegenkam als seine „echten“ Opern. Wie sich Jacobs, dessen Erfolg auch mit dem Gespür für Bühnenkonventionen des 18. Jahrhunderts zusammenhängt, ausgerechnet diesem Werk stellt, könnte ein spannendes Lehrstück für alle werden: auch für die, die im Streit um die Neugestaltung des Innenraums der Staatsoper mitdiskutieren wollen.Carsten Niemann

Staatsoper, So 1.6., 18 Uhr (Prem.), Di 3.6., 19 Uhr, ab 29 €

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