Zeitung Heute : „Besser als Berkeley“

Wie die Mathematikerin Holtz nach Berlin fand

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Der Kovalevskaja-Preis gilt als einer der wichtigsten Forschungspreise in Deutschland. Hat Sie die Entscheidung der Jury überrascht?

Es war schon überraschend. Denn es gab ja auch viel Konkurrenz. Deshalb habe ich mich über diesen Preis besonders gefreut. Natürlich ist er auch eine große Herausforderung für mich.

Sie sind jung und sehr erfolgreich. Gibt es da auch Neid bei Ihren Kollegen oder haben Sie deren volle Anerkennung erfahren?

Ich hoffe nicht, dass mir jemand diesen Preis neidet. Erfahren habe ich nur positive Reaktionen. Schließlich sind die meisten meiner Kollegen auch sehr erfolgreich. Im Vordergrund steht die mathematische Zusammenarbeit.

Sie haben ein sehr gutes Angebot bekommen, um in Berkeley zu bleiben. Trotzdem kommen Sie nach Berlin. Ist die Forschung in der Mathematik in Berlin so reizvoll?

Auf meinem Gebiet der angewandten Mathematik hat Berlin eine herausragende Stellung. Hier arbeiten eine Reihe hervorragender Wissenschaftler, so dass ich mir kein besseres Umfeld für meine Arbeit vorstellen kann. Ausschlaggebend war, dass ich die Arbeit vieler dieser Forscher schon kannte, von einem ersten Aufenthalt in Berlin, aber auch von internationalen Tagungen. Deshalb habe ich mich für die TU Berlin entschieden. Auch die Nähe zum Forschungszentrum Matheon ist für mich sehr reizvoll, weil hier eine große Bündelung fachlich hervorragender Leute besteht, die mir bei meiner Forschung helfen können.

Womit beschäftigen Sie sich konkret?

In meinen Arbeiten geht es um Probleme, die mit Matrizen zu tun haben, zum Beispiel um Stabilität oder Eigenwertprobleme. Alle diese Aufgaben sind verbunden mit raschen Computerrechnungen. Das beinhaltet auch die Lösung vieler Probleme in der industriellen Anwendung von Computern.

Was bedeutet die Mathematik für Sie persönlich?

Sie bietet mir einen Job, der mir sehr viele Spaß macht, der mit viel Spannung verbunden ist, der mich interessiert und der mich mit vielen spannenden und interessanten Menschen zusammen bringt. Die Mathematik ermöglicht es mir überall auf der Welt Menschen kennen zu lernen und Freunde zu finden.

Abgesehen vom Fach: Was ist an Berlin besser als beispielsweise in Berkeley?

Zum Beispiel schmeckt das Eis hier viel besser, dann natürlich die Musik, drei Opernhäuser. Auch die Geschichte, die einem hier täglich begegnet, ist sehr viel interessanter. Insgesamt ist in Berlin wirklich sehr viel los. Es gibt viel zu erleben und zu erkunden. Berlin ist im Gegensatz zu Berkeley eine pulsierende Stadt und fast mit New York zu vergleichen.

Sie stehen nicht nur im Hörsaal oder hocken am Computer. Sie tanzen auch gern. Gibt es weitere kulturelle Favoriten?

Da gibt es ganz viel. Ich will die unterschiedliche und vielfältige Musikszene in Berlin erkunden. Ich bin sehr an Literatur interessiert. Ein bisschen kenne ich die Stadt schon von meinem ersten Aufenthalt hier als Humboldt-Stipendiatin vor vier Jahren. Aber natürlich habe ich im Moment nicht so viel Zeit, die Stadt außerhalb der Universität zu erforschen.

Was sind Ihre hauptsächlichen Sorgen?

Zurzeit beschäftige ich mich neben meiner Forschung mit Verwaltungsfragen und muss viele Formulare ausfüllen. Es gibt in Deutschland schon sehr viele bürokratische Sachen zu erledigen, die eine Menge Zeit kosten.

Das Preisgeld gestattet es ihnen, eine eigene Arbeitsgruppe aufzustellen. Haben Sie Ihre Mitarbeiter schon zusammen?

Noch nicht. Da meine Arbeitsgruppe international sein wird, gibt es auch noch viele bürokratische Probleme zu lösen. Einige Mitglieder kommen aus Europa, einige aus Amerika. Fast alle kommen ganz neu nach Berlin. Trotzdem habe ich die meisten Mitglieder schon zusammen. Ich hoffe, im Juli die gesamte Gruppe an der TU Berlin begrüßen zu können.

Sie sind gebürtige Russin, sprechen sehr gut Englisch und Deutsch. Aus Russland kommen immer wieder sehr erfolgreiche Mathematiker. Bietet Ihr Land dafür besondere Voraussetzungen?

Vielleicht gibt es in Russland eine besondere Affinität zur Mathematik. In unserer Kultur werden individuelle Begabungen sehr hoch geschätzt. Vielleicht besteht derzeit die Gefahr, dass dieses Denken durch die neuen Einflüsse etwas in den Hintergrund gerät. Aber ich glaube, dass bei uns besondere Talente schon in der Schule gut gefördert werden.

Wie war das bei Ihnen?

Meine Eltern haben eine besondere Beziehung zur Mathematik. Beide sind Programmierer, meine Mutter ist auch Lehrerin. Ich besuchte eine Schule, die meine Freude an der Mathematik stark unterstützte. Dann kam ich auf eine Schule mit mathematischem Schwerpunkt, wo ich weiter gefördert wurde. Aber der wichtigste Einfluss kam durch meine Eltern.

Das Gespräch führte Rudolf Kellermann.

Olga Holtz (34) studierte Mathematik in Tscheljabinsk und Madison (USA). Als Humboldt-Stipendiatin kam sie erstmals an die TU Berlin, ging nach Berkeley und nun wieder nach Berlin.

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