Zeitung Heute : Besser als die Berlinale?

SIMONE MAHRENHOLZ

Es ist eine amüsante Ironie des Schicksals, daß ausgerechnet eine Institution des Namens "American Cinema Foundation" (ACF) Berlin durch seine Aktivitäten vormacht, wie es vielleicht mit der osteuropäischen Filmkultur umzugehen gälte.Gesponsert von den Philip Morris Companies Inc.veranstaltet besagte ACF parallel zur Berlinale das "Freedom Film Festival - The Berlin Selection": eine Filmreihe, die dem Kino aus Mittel- und Osteuropa gewidmet ist.Zwei Wochen lang werden im Kino Balazs, dem Polnischen Kulturinstitut und dem Tschechischen Zentrum zum Teil neueste Produktionen aus vorwiegend Osteuropa gezeigt, von denen manche bereits auf dem Los Angeles Freedom Film Festival liefen, ebenfalls eine Initiative des AFC.Höhepunkt des hiesigen Festivals ist die morgige Galaveranstaltung, zu der dem großen polnischen Regisseur Andrzej Wajda der nicht dotierte "American Cinema Foundation Freedom Award" verliehen wird: eine Ehre, die von nun an jährlich einem Regisseur zukommen soll.Die eindrucksvolle Gästeliste umfaßt auch politische Prominenz wie Michael Naumann, Walter Momper und Michel Friedman.

Vielleicht wollen sie alle sich anschließend das frühe Wajda-Meisterwerk "Asche und Diamant" von 1958 in Erinnerung rufen (auch 14.2., 22 Uhr, Polnisches Kulturinstitut), Kernstück der Andrzej Wajda-Retrospektive, die der Meister persönlich zusammengestellt hat und die bis zum 20.2.täglich einen Wajda-Film bietet.Darunter auch sein "Alles zu verkaufen" von 1968: eine Film-im-Film-Geschichte, die sich unter anderem mit dem Tod des Schauspielers Zbigniew Cybulski aus "Asche und Diamant" auseinandersetzt (17.2., 20 Uhr).Auch ein Wajda-Film-Porträt des bekannten polnischen Dokumentarfilmers Andrej Brzozowski von 1989 ist dabei (20.2., 18 Uhr, polnisches Kulturinstitut).Wer Karten bekommt, kann die Ikone des polnischen Films auch am Montag abend in der "American Academy zu Berlin" in einer Diskussion mit dem deutschen Filmregisseur Volker Schlöndorff verfolgen (Am Sandwerder 17, 20 Uhr, Tel.: 80 48 30).

Doch auch Filme aus Deutschland, Schweden, Georgien, Ungarn, Tadjikistan, Jugoslawien, Russland, Litauen, Tschechien, der Slowakei, Estland oder der Ukraine sind vertreten: aus Tadjikistan etwa das neue, schon auf dem diesjährigen Thessaloniki-Filmfestival gefeierte "The Flight of the Bee" von Jamashed Ugmanow: eine sehr ausgefallene Groteske um Nachbarschaft, Außentoiletten, Armut und Reichtum (23.2., 18 Uhr; 24.2., 22 Uhr, Kino Balazs).

Obwohl die American Cinema Foundation von nun an jährlich während der Berlinale mit ihrem Festival präsent sein will, definiert sie sich nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zu ihr - auf der dieses Jahr osteuropäische Filme im Wettbewerb ganz fehlen.Doch wer weiß, vielleicht verbirgt sich hinter diesem Timing ja der noch unausgesprochene Wunsch, in späteren Jahren eine feste Institution des Berlinale-Festivals zu werden.

Ab morgen bis 21.Februar.Programm und Kartenbestellung unter: 24 75

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