Zeitung Heute : "Besser eine schlechte Entscheidung als gar keine"

Peter Siegel

Was Du heute kannst besorgen, verschiebe ruhig auf morgen! Nach den Untersuchungen psychologischer-Forschungsinstitute in Amerika sind 20 Prozent der Bevölkerung von Aufschieberitis befallen, unter Studenten sollen es gar 70 Prozent sein, die nur mit der Terminpeitsche im Nacken arbeiten können. Schon Bertolt Brecht beschrieb, wie er jede Stimme vor dem Haus als willkommene Ausrede für eine Arbeitspause nutzte. Aber selbst die, die als besonders diszipliniert und effektiv gelten, haben mit dem Last-Minute-Virus zu kämpfen: "Von den Vorständen und Geschäftsführern in den deutschen Unternehmen sind bestimmt ein Drittel bis die Hälfte dafür anfällig", schätzt Werner Roth. Er schult in Zeitmanagement-Seminaren seit Jahren die Elite der Führungskräfte. Für ihre Probleme hat er nur zu gutes Verständnis: "Ich war selbst Weltmeister im Aufschieben; was das Finanzamt von mir früher an Verspätungsgebühren kassiert hat, das ist gräulich!"

Besonders gefährdet durch den Aufschieberitis-Virus sind alle, deren Tages-, Wochen- oder Monatsplanung zumindest teilweise Freiheiten lässt: Freiberufler und Selbstständige, aber auch Telearbeiter, die den Großteil ihres Pensums zuhause erledigen. Hinzu kommen in jüngster Zeit immer mehr Angestellte, die wegen flacher Hierarchien in den Unternehmen höhere Eigenverantwortung bekommen haben und nur noch das Ziel gesetzt bekommen - aber auf dem Weg dahin Einzelkämpfer bleiben.

Viele brauchen Druck, um auf Touren zu kommen. Und deshalb erzeugen sie ihn selbst, wie etwa die Wuppertaler PR-Expertin Ulrike Bußmann: "Ohne Stress fange ich gar nicht an, und meist trödele ich erst so lange, bis es wirklich drängt". Die medizinische Erklärung für dieses Phänomen: Stress-Hormone können Geist und Körper aufputschen wie starker Kaffee; die Sinne sind geschärft, Konzentration und Leistung steigen. Wer sich daran gewöhnt und mit der Zeit sogar bewusst auf die letzte Minute hinlebt, kann damit eine Weile zurecht kommen. Der Preis dafür ist freilich hoch, denn auf den kurzen Arbeitsrausch folgt eine lange schlaffe Phase. Bloß dient diese nicht zur Entspannung und Erholung, sondern zu halbherzigen Alibi-Tätigkeiten wie Telefonbuch-Umschreiben, stundenlangem Telefonieren. Das schlechte Gewissen ist immer dabei, denn: "Eigentlich müßte ich ja noch ... ."

Schuldgefühle verhindern Erfolg

Der amerikanische Universitäts-Psychologe Neil Fiore hat bei der Untersuchung von Doktoranden festgestellt, dass die größten Aufschieber sich die wenigste Freizeit gönnten. Sie nahmen sich weder Zeit für Partys und Freunde noch für Sport, räumten den Terminkalender sogar völlig frei - und brauchten trotzdem teilweise 19 Jahre für die Doktorarbeit. T-Shirt-Aufdruck eines Betroffenen: "Frag mich bloß nicht nach meiner Dissertation!" Dagegen gingen die besonders Schnellen nach Fiores Erkenntnis am häufigsten tanzen, essen, Tennis spielen, verzichteten auf nichts, erholten sich immer wieder und waren oft schon nach anderthalb Jahren fertig. Der Witz dabei: Diejenigen, die ihre Freizeit ohne Schuldgefühle genießen, sind oft besonders erfolgreich. Fiore erklärt das damit, dass wahrhaft originelle Ideen meist während der Beschäftigung mit etwas ganz anderem entstehen - etwa beim Fußball spielen.

In den Unternehmen haben die Aufschieber-Typen zu kämpfen. "Die schaffen sich zusätzliche Probleme. Neben den eigentlichen Aufgaben müssen sie ständig mit ihrer zu knappen Zeit jonglieren und mit ihrem schlechten Gewissen fertig werden", sagt Trainer Roth. Der Dauerdruck tötet nach seiner Ansicht die Kreativität. Ein Teufelskreis setzt ein: Die Selbstachtung sinkt, weil man permanent gegen die eigenen Vorsätze verstößt - und das mangelnde Selbstbewusstsein lässt alle Aufgaben als noch höhere Klippen erscheinen.

Zeitmanagement-Experte Hardy Wagner, Professor für Betriebswirtschaftslehre in Ludwigshafen, warnt insbesondere davor, strategische Entscheidungen auf die lange Bank zu schieben. Wenn es etwa darum gehe, das Geschäftsfeld eines Unternehmens zu verändern oder sich einen neuen Job zu suchen, bleibe die negative Folge des Aufschiebens lange unsichtbar - oft sogar bis es zu spät sei. "Da verweise ich auf den alten Militärgrundsatz: Manchmal ist eine schlechte Entscheidung besser als gar keine", erklärt Wagner.

Zu wenig Entscheidungsfreude, sagt Wagner, sei häufiger Grund für die Aufschieberitis. Die tiefere Ursache ist nach seiner Meinung der Wille, alles optimal hinzubekommen. Eine Art von Perfektionismus also. Eigentlich nichts Negatives - wenn nicht die Angst vor dem Versagen hinzukäme. Denn jede Überprüfung einer Leistung werde zur Bedrohung, wenn ein Mensch seine Selbstachtung davon abhängig mache, ob er stets eine perfekte, fehlerfreie Leistung erbringe, sagt der Psychologe Fiore. Angst vor Misserfolg - das ist die Folter der Perfektionisten. Mit Bummeln vermeiden sie die Situation, die über die eigenen Fähigkeiten Aufschluss geben würde. Die simple Strategie: Wer etwas so lange vertagt, bis der Termindruck höchstens eine notdürftige Erledigung erlaubt, hat die mangelnde Zeit als Entschuldigung: "In der kurzen Frist konnte es ja auch nicht besser gelingen", tröstet sich das Ego.

Zum Trödler geboren ist niemand. "Vielfach ist die Aufschieberei nur Gewöhnung und Schlendrian", meint Roth. In solchen Fällen helfe es schon, sich einige wenige Male kurz zu überwinden. Seit er das Gefühl des "in-der-Zeit-sein" öfter kenne, habe er seine Aufschiebe-Tendenzen im Griff, sagt Roth. Sein Rat: Das Unangenehme bündeln. "Jeden Freitag Nachmittag erledige ich alle ungeliebten Aufgaben an einem Stück. Diesen Nachmittag halte ich mir im Terminkalender frei." Dennoch: Die ersten zehn Minuten muss auch er sich zwingen - erst dann läuft es.

Den heimliche Nutzen erkunden

Als Anfänger-Therapie empfiehlt Roth, morgens gleich als erstes das anzugehen, was einem am meisten auf der Seele liege. Die Management-Beraterin Ortrud Hillmer aus Wülfrath bei Düsseldorf schlägt vor, zunächst einmal den heimlichen Nutzen der Aufschieberitis zu erkunden. "Wir tun ja nichts ohne Grund", erklärt sie. Sie empfiehlt, genau hinzusehen, wo der heimliche Nutzen des Bummelns liegen könne. "Wer das erkennt, ist oft schon einen ganzen Schritt weiter: Er hört auf, sich über seine eigene Aufschieberitis zu ärgern."

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