Zeitung Heute : Betörende Eleganz am Waldesrand

FALK JAEGER

Neues Bauen in Berlin: Eine Reithalle wie ein SchmuckstückVON FALK JAEGERUm die Architektur unserer Freizeitgesellschaft ist es nicht gut bestellt.Kommerzielle Tempel der Lustbarkeiten oder Stätten körperlicher Ertüchtigung locken mit schreienden Werbeanlagen und schrecken mit dürftiger Architktur.Vereinsanlagen, etwa Tennishallen oder Reithallen, sind selten von architektonischem Reiz.Bei den Minimalbudgets aus der Vereinskasse gibt man sich meist mit gestalterischen Minimallösungen zufrieden, mit Billigkonfektion, die ihrem Zweck vielleicht genügen mag - aber oft in eigentümlichem Mißverhältnis steht zum individuellen Repräsentationsanspruch ihrer Nutzer, zu sehen an den davor geparkten Karossen. Mit betörender Eleganz und geradezu würdevoller architektonischer Haltung trittt dagegen eine Reithalle vor Augen, die am Rande Berlins, knapp außerhalb der östlichen Stadtgrenze in Mehrow-Trappenfelde zu finden ist.Sanft geschwungen das weit überkragende Dach, die Stirnwand mit Holzfassade verkleidet, das Obergeschoß großflächig verglast, steht das attraktive Gebäude vor dem Waldsaum und macht einfach eine gute Figur.Ein solches Schmuckstück, wird man meinen, verrät den gut betuchten Bauherrn. Doch weit gefehlt, die Reithalle mit der schönen Adresse Am Walde 1 ist ein Musterbeispiel für die oft getätigte und selten unter Beweis gestellte Behauptung, daß gute Architektur nicht teuer sein muß.Lediglich etwa eine Million Mark mußte Bauherrin Angelika Wessel aufbringen; trotzdem kann die ehemalige DDR-Military-Meisterin ein Lied davon singen, wie hartleibig sich die Banken en detail zeigen, wenn man nicht gerade Jürgen Schneider heißt und en gros agiert. Präzise lassen sich die Kosten nicht angeben, denn Christel Sasse und Hans-Jürgen Fröde, die beiden Architekten, haben viel Eigenleistung und faktisch kostenfreie Planung eingebracht.Beweggrund war das Anliegen, für ihre neu entwickelte Holzbauweise ein Pilotprojekt realisieren zu können.Sie betrachten es als Referenzobjekt, dem nun weitere folgen können wie gegenwärtig eine Sporthalle in Kleinmachnow. Mit ihrer inzwischen patentierten Brettstapelbauweise gelang es, die 20 mal 40 Meter große Reitfläche und die 28 Boxen mit einer eleganten Dachschale auf äußerst kostensparende Weise zu überdecken.Dazu werden schlichte Nadelholzbretter, die jede ortsansässige Sägerei liefern kann, vor Ort und ohne Leim zu Brettstapeln vernagelt, die ein rautenrasterförmiges Tragwerk bilden.Für die Berechnung und Optimierung konnte der internationale Holzbauexperte Professor Julius Natterer aus Lausanne gewonnen werden, der für die Entwicklung und Propagierung statisch raffinierter und ökologisch sowie ökonomisch sinnreicher Holzbausysteme bekannt ist. Sasse und Fröde gelang es nun, nicht nur das an sich schon interessante und attraktive Tragwerk gestalterisch zur Wirkung zu bringen, sondern es harmonisch in ein Bauwerk einzubinden, das zudem praktische Funktionalität und geschickte Raumausnutzung in sich vereint.Die Boxen mit "artgerechter Tierhaltung" für Pensions- und Schulpferde sind an den Längsseiten der Halle angeordnet und durch ihre Außenlage gut belüftet.Die Boxengasse wird durch das überkragende Dach geschützt; über den Boxen wird das Heu gelagert. An der Stirnseite liegen hinter einer dynamisch geschwungenen Holzwand Umkleide- und Nebenräume.Darüber, beiderseits voll verglast und deshalb mit prächtiger Sicht nach draußen und in die Halle selbst die "Reiterstube", eine kleine Gaststätte als Treffpunkt und für kleine Feste.Hier sitzt man bei der Beobachtung der Aktivitäten der Reitschule Wessel oder der Veranstaltungen höchst angenehm in der ersten Reihe. Der Reithalle in Trappenfelde mag man Vorbildfunktion für andere, vergleichbare Bauaufgaben wünschen.Beton verbraucht im Vergleich mit Bauholz viermal, Stahl 24 mal und Aluminium 126 mal mehr Energie als Bauholz.Nicht weniger bedeutsam ist deshalb ihre Vorreiterrolle beim notwendigen Umdenken in der Bauwirtschaft, indem sie moderne Holzbautechnik einsetzt, die ressourcensparend nachwachsende heimische Holzarten verwendet, dadurch die Rentabilität der Forstwirtschaft steigert und somit deren ökologisch unabdingbare Existenz sichern hilft.

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