Zeitung Heute : Betriebswirt mit Hindi-Kenntnis gesucht

Wer in Krisengebieten helfen will, muss mehr mitbringen als guten Willen. Nur Profis haben eine Chance

Stefan Jacobs

Nach der Flutkatastrophe in Asien interessiert sich die Öffentlichkeit für die Hilfsorganisationen wie noch nie. Die Deutschen haben sich beim Spenden selbst übertroffen – und die Hilfsorganisationen versichern weiter, dass sie gar nicht genug Geld bekommen könnten. Sobald es aber um persönliche Angebote geht, winken sie ab: „Helfer haben wir selbst genug“, heißt es allenthalben.

Stellt sich die Frage, wie man Helfer wird. Zum Beispiel so wie Bernd Baucks, der bei Care International in Deutschland die Projektarbeit leitet. Der 42-Jährige hat als Krankenpfleger beim Roten Kreuz angefangen – und bekam die Chance, in Afrika zu arbeiten, was ihm die Tür zu weiteren Einsätzen öffnen sollte. Nebenbei qualifizierte er sich beim Roten Kreuz zum Ausbilder, später studierte er Betriebswirtschaft und Sozialökonomie mit Schwerpunkt Entwicklungshilfe. Er hat zweieinhalb Jahre in Nairobi verbracht, eins im Sudan, eins in Armenien und ein halbes im Irak, bevor er bei Care am Schreibtisch ankam.

Care hat nur einen einzigen Deutschen nach Banda Aceh geschickt. Bei den meisten Hilfsorganisationen sind es kaum mehr. Eine Ausnahme ist das Rote Kreuz, das rund 50 Helfer – Mediziner und Techniker – entsandt hat, die von ihren Arbeitgebern freigestellt wurden. Sie alle haben zuvor eine Schulung absolviert. Wer sich also jetzt beim DRK bewirbt, wird nicht sofort nach Asien geschickt, sondern geschult und vielleicht bei der nächsten Krise aus der Adresskartei geholt.

Viele eingeflogene Helfer sollen gar nicht selbst anpacken, sondern Einsätze koordinieren – und aufpassen, was mit dem Geld passiert, das die Menschen in aller Welt gespendet haben. Dafür ist ein hoch spezialisierter Betriebswirt eher geeignet als ein furchtloser Lebemann, den allein sein guter Wille treibt.

Für langfristige Vorhaben greifen gerade die kleineren Organisationen auch auf freiberufliche Entwicklungshelfer zurück, die befristet eingestellt werden. Die Kandidaten müssen unbedingt schon einmal in Krisengebieten gearbeitet haben, die jeweilige Region kennen und etwas von Management unter verschärften Bedingungen verstehen. Ideal sind Betriebswirte, die sich auf Entwicklungshilfe spezialisiert haben. Als erste Adresse gilt die Ruhr-Universität Bochum, die einen Aufbaustudiengang Entwicklungsmanagement anbietet. Aber auch auslandserfahrene Agrarökonomen, Geografen oder Soziologen kommen in Frage – zumindest, wenn sie Englisch und Französisch sprechen und möglichst Grundkenntnisse einer Sprache besitzen, in der sie sich beispielsweise mit indonesischen Bauleuten verständigen können. Weil die praktische Arbeit möglichst an Einheimische vergeben werden soll, haben deutsche Handwerker oder Bauleute kaum Chancen, von einer nichtstaatlichen Hilfsorganisation ins Ausland geschickt zu werden.

Etwas besser sind die Aussichten beim Technischen Hilfswerk (THW), das dem Bundesinnenministerium nachgeordnet ist und 108 Helfer ins Flutgebiet geflogen hat. Fast alle sind mit der Wasseraufbereitung beschäftigt – und für den Einsatz von ihren Arbeitgebern freigestellt worden, denn das THW arbeitet ähnlich dem Roten Kreuz vorwiegend mit Ehrenamtlern. Die Helfer haben nebenher eine zweijährige Ausbildung an einer THW- Schule absolviert und wurden für Auslandseinsätze geschult. Dank seiner 665 Ortsverbände kann das THW zwar auf Tausende eigene Kräfte zurückgreifen, aber theoretisch würde die Behörde jetzt auch einen erfahrenen (und geimpften!) Bauleiter nach Thailand schicken, der etwa Häuser begutachten helfen will.

Die wohl komfortabelsten Möglichkeiten für Hilfseinsätze tun sich direkt bei staatsnahen Institutionen auf. Entsprechend begehrt sind sie. Unicef verbittet sich Initiativ-Bewerbungen, bei vielen Behörden gilt ein Einstellungsstopp und die Auswahltests des Auswärtigen Amtes für Diplomaten sind zu Recht berüchtigt. Bleibt die bundeseigene Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), die rund 1200 Deutsche in 130 Ländern beschäftigt. Diese arbeiten vorwiegend in Verwaltungen oder vergeben als Generalunternehmer Aufträge an die lokale Wirtschaft. Üblich sind dreijährige Auslandsaufenthalte, wobei man teilweise mit seinem Partner ins Ausland gehen kann. Auch bei der GTZ sind vor allem Akademiker mit Management-Erfahrung gefragt, die am besten auch Arabisch oder Kisuaheli sprechen. Davon gibt es zwar nicht viele – aber allemal genug, dass die GTZ nur selten extern suchen muss.

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