Zeitung Heute : Bewegung zwischen den Fronten

Neben der Waffenruhe mit der Hamas deuten sich Gespräche zwischen Israel und dem Libanon an – zwei Jahre nach dem Krieg im Nahen Osten. Wie lässt sich diese Entwicklung erklären?

Charles A. Landsmann[Frank Jansen],Tel Aviv[Frank Jansen],Fabian Leber
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Gleich an zwei Fronten gibt es eine Annäherung im Nahen Osten. Da ist einmal die Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas, und da ist andererseits die Aussage der israelischen Regierung, sie könne sich direkte Friedensgespräche mit der libanesischen Regierung vorstellen. Zumindest teilweise hat die aktuelle Entwicklung mit Druck aus den USA zu tun. Nach Angaben der israelischen Zeitung „Haaretz“ arbeitet die US-Regierung im Moment intensiv darauf hin, die libanesische Regierung von Fuad Siniora gegenüber der radikalislamischen Hisbollah-Miliz zu stärken. Offenbar will Washington das in erster Linie über einen Ausgleich zwischen Israel und dem Libanon erreichen. Größtes Hindernis für ein Friedensabkommen ist bisher das Gebiet der Schebaa-Farmen im Norden der von Israel besetzten Golanhöhen. Das nur 28 Quadratkilometer große, unbewohnte Gebiet war 1967 von Israel im Sechstagekrieg erobert worden – es hatte bis in die 40er Jahre zum gemeinsamen französischen Mandatsgebiet von Syrien und Libanon gehört und stand danach unter syrischer Verwaltung. Nach Auffassung der Vereinten Nationen gehört es völkerrechtlich zu Syrien, während die Hisbollah und die libanesische Regierung der Meinung sind, die Farmen seien Teil des Libanons.

Bei den Vereinten Nationen herrschte bisher der Standpunkt vor, Israel solle mit dem Libanon nicht separat über das Gebiet der Schebaa-Farmen verhandeln. Die Frage müsse vielmehr Bestandteil von Gesprächen mit Syrien sein. Damit waren mögliche Verhandlungen zwischen Israel und dem Libanon blockiert. Jetzt deutet sich in New York aber ein Sinneswandel an. Sowohl UN-Generalsekretär Ban Ki Moon als auch US-Präsident George W. Bush sollen Verständnis für die libanesische Haltung signalisiert haben.

Zu dieser Annäherung passt, dass die israelische Regierung und die Hisbollah offenbar kurz vor einem Gefangenenaustausch stehen. Die Hisbollah hatte im Frühsommer 2006 auf der israelischen Seite der südlibanesischen Grenze zwei Soldaten entführt. Bei einer Freilassung der beiden Soldaten ist Israel wohl bereit, vier libanesische Gefangenen und die Leichen von rund zehn Hisbollah-Kämpfern zu überstellen. Allerdings ist nicht klar, ob die beiden israelischen Soldaten überhaupt noch am Leben sind.

Der Austausch wird von dem deutschen Unterhändler Gerhard Konrad im Auftrag der Vereinten Nationen vermittelt. Überhaupt sind die Deutschen recht aktiv, was Vermittlungen zwischen Israel, Libanon und Syrien betrifft. Das Auswärtige Amt bestätigte am Mittwoch einen Besuch des Nahostbeauftragten Andreas Michaelis vor kurzem in Syrien.

Im Mittelpunkt der Verhandlungen um einen Gefangenenaustausch steht die Forderung der Hisbollah, die Israelis sollten den Terroristen Samir Kuntar freilassen. Der libanesische Druse war der Haupttäter bei einem besonders dramatischen Überfall im Jahr 1979. Kuntar drang damals mit einem Kommando der palästinensischen Organisation PLF in die nordisraelische Stadt Nahariya ein und erschoss einen Israeli in seiner Wohnung und vor den Augen der vierjährigen Tochter. Anschließend erschlug Kuntar das Kind mit einem Gewehrkolben. Die Mutter hielt sich mit der zweiten, zwei Jahre alten Tochter versteckt. Um nicht von den Terroristen entdeckt zu werden, hielt die Israelin ihrem Kind den Mund zu und merkte nicht, dass die Zweijährige erstickte. Kuntar wurde kurz darauf von israelischen Soldaten überwältigt.

Dieser besonders tragische Fall ist für die Israelis eine Art nationales Trauma. Bisher erschien es undenkbar, dass Kuntar jemals freikommen könnte. Für die Hisbollah wäre die Rückkehr des Terroristen in den Libanon deshalb auch ein großer Propagandaerfolg. Kuntar gilt bei Hisbollah und extremistischen Palästinensern als Held des Kampfes gegen Israel.

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