Zeitung Heute : Beweisstücke der Wahrheit

Vor 15 Jahren hat sich die RAF aufgelöst. Ihre Geschichten sind von gestern. Leider stimmt das nicht. In Stuttgart will eine umfassende Ausstellung Antworten geben, die noch immer fehlen – und endet mit einem Zweifel.

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Es ist nicht nur ein Motorrad, es ist ein Mordinstrument. Es birgt nicht nur ein Geheimnis, es ist auch das Symbol einer großen Verirrung. Suzuki GS 750. Zugelassen am 11. März 1977.

Das Motorrad steht am Ende einer Ausstellung, die am Freitag im Stuttgarter Haus der Geschichte eröffnet wurde. Einer Ausstellung über die RAF, über die bleierne Zeit, über die Täter und die Opfer. Es ist die umfangreichste, die gründlichste Sammlung über den linken Terrorismus, die es bisher in Deutschland gegeben hat. Zweieinhalb Jahre haben die Macher daran gearbeitet, gut 200 Schaustücke zusammengestellt – von privaten Gebern, vom BKA, von Polizeistellen, von Archiven, von anderen Museen. Und das letzte dieser Schaustücke ist eben jenes Motorrad, das, wie eine Zeitung schrieb, „berühmteste Motorrad der Nachkriegsgeschichte“. Es ist das Schlüsselexponat der Ausstellung.

Denn es erklärt etwas. Und eine Erklärung, warum man sich heute ausgerechnet für die Rote Armee Fraktion interessieren sollte, ist an diesem Spätfrühlingstag 2013 in Stuttgart ja auch nötig. Wer durch die Stadt spaziert, kann sofort sehen, dass es hier heute um ganz andere Themen geht. „Bürger informieren Bürger“ steht über dem Info-Häuschen der S-21-Bahnhofsgegner und darunter: „Stuttgart ist viel zu schön, um unten durch zu fahren.“ An jedem Laternenmast lockt ein Plakat zur Großkundgebung am heutigen Samstag auf dem Schlossplatz. Und in der Königstraße trommeln junge Leute für Solidarität mit den Demonstranten auf dem Taksim-Platz in Istanbul. Das sind die Themen der Gegenwart, und wenn schon Terrorismus, dann wenden sich die Gedanken derzeit nach München, 200 Kilometer südöstlich, zum NSU-Prozess. Aber gewiss nicht zur RAF, Vergangenheit, ferne Vergangenheit. Vor 15 Jahren hat sie sich aufgelöst. Ihre Geschichten sind Geschichten von gestern.

Leider stimmt das nicht. Und genau davon spricht dieses Motorrad. Weil seine Geschichte nicht nur etwas von der Vergangenheit erzählt, sondern ebenso viel von der Gegenwart. Im April 1977 wurde es von einem gewissen Günter Sonnenberg bei einem Fahrzeugverleih gemietet, umgebaut, frisiert, die Beschleunigungskräfte müssen enorm gewesen sein. Es war das Rad, von dessen Soziussitz aus Generalbundesanwalt Siegfried Buback, sein Fahrer Wolfgang Göbel und Georg Wurster, der Leiter der Fahrbereitschaft, erschossen wurden. Bis heute aber weiß niemand, wer auf diesem Sitz saß – trotz aller Prozesse, aller immer wieder neu aufgerollten Verfahren. Nur die RAF-Leute wissen es. Sie schweigen. Deshalb symbolisiert das Motorrad nicht nur das Gestern, sondern auch das Heute.

Wer hat Buback und seinen Fahrer erschossen? Wer beantwortet diese Frage ihren Familien? Die Aktualität dieser RAF-Ausstellung ist, dass bis heute so viele, so viele Antworten über diese Zeit fehlen.

Und das Motorrad zeigt noch mehr. Nämlich, wie sich diese Geschichten der 70er, 80er und ein wenig auch der 90er Jahre fortpflanzen bis heute. Wie sich die Verbrechen der RAF eingewebt haben in die Textur deutscher Geschichte.

Jenes Mördermotorrad wurde im Jahre 1982 in einer Zeitungsannonce angeboten, die Polizei wollte es loswerden. Kilometerstand: 3319. Kaufpreis: 3500 D-Mark. Ein Schnäppchen. Ein junger Mann aus Sindelfingen bei Stuttgart schlug zu, versetzte das Gefährt zurück in seinen Originalzustand, lackierte es mit roter Farbe und donnerte fortan in seinen Urlauben damit durch Südeuropa. Im Jahr 2000, der Mann war inzwischen Familienvater geworden, schwand seine Motorradbegeisterung, also stellte er die Suzuki in die Garage. Kilometerstand: 54 944.

Und jetzt könnte die Motorradgeschichte zu Ende sein.

Sie ist es nicht. Denn 2010 wurde ein erneutes Verfahren gegen die Terroristin Verena Becker angestrengt. War sie es gewesen, die vom Soziussitz die tödlichen Schüsse abgegeben hatte? Vielleicht könnte eine erneute Untersuchung der Suzuki der Wahrheit auf die Sprünge helfen. Aber wo war das Motorrad bloß? Verschollen, sagte die Polizei.

Der Besitzer las es in der Zeitung. Und meldete sich. „Wenn es der Wahrheitsfindung dient, habe ich überhaupt kein Problem damit, dass das Motorrad beschlagnahmt wird.“ So wurde die Suzuki GS 750 erneut zum Beweisstück.

Zum vergeblichen. Die Bundesanwaltschaft nahm mit dem Zollstock Messungen über die Höhe des Soziussitzes vor, errechnete Kurvenradien, befragte den motorradabtrünnigen Besitzer über das Fahrverhalten seiner Maschine. Es half nichts, alle Anstrengungen waren umsonst, der Prozess blieb ergebnislos bis zu seinem Ende.

Und deshalb steht das Motorrad so richtig und wichtig am Ende dieser Ausstellung. Als Statement, als Dokument dessen, was wir über die Jahre des RAF-Terrors noch immer nicht wissen. Die Ausstellung endet mit einem Zweifel.

Und sie beginnt mit einem Schock. Auf geht die Tür, und das Blut fließt. Knallrot sind die Wände angestrichen, der Boden, die Decke, ein roter Strudel will einen hineinziehen wie in einen Trichter. Denn der Weg des Besuchers durch diesen Ausstellungsraum verengt sich, verkleinert, erniedrigt sich immer mehr, am Ende ist er kaum noch eineinhalb Meter breit und 2,40 hoch. Hineingetrieben in diese enge Tunnelröhre und den Strudel der Gewalt begegnet man schließlich am Ende dieses Trichters, in dieser Inszenierung der Ausweglosigkeit, vier bisher unbekannten Polaroid-Fotos des RAF-Gefangenen Hanns Martin Schleyer.

Geisterbahn. Ein Arrangement des Schauderns, und alle Befürchtungen scheinen wahr zu werden: dass hier – wie zuvor in manchem Kinofilm – ein Spiel mit dem Gruseln getrieben wird und die Verbrechen der RAF bei allem Abscheu ins Licht einer lüsternen Verklärung gesetzt werden. Andreas Baader, der Räuberhauptmann. Gudrun Ensslin, das Flintenweib. Denn Musealisierung ist immer auch Ästhetisierung. Das Ausstellungsobjekt wird zum Kultobjekt. Eine Pistole hinter Glas bleibt nicht einfach eine Pistole. Sie bekommt eine Aura.

Weshalb es schon beim ersten Versuch einer RAF-Ausstellung 2005 in den Berliner Kunst-Werken zu einem medialen Entrüstungssturm gekommen war. Darf man so etwas überhaupt zeigen? Angehörige der Opfer befürchteten eine Mystifizierung der RAF.

Zum Glück gibt es Sabrina Müller. Sie weiß als Hauptkuratorin der Stuttgarter Ausstellung um die Fallstricke der musealen Aufbereitung, ist eine Kennerin der Zeitgeschichte, hat Zahlen, Fakten und Namen so schnell parat, dass es einem beim Zuhören schwindelig werden möchte, aber sie ist nicht nur deshalb eine kluge Frau. Denn sie inszeniert inmitten des blutroten Ambientes gegen alles an, was dieser Schau den Eindruck des Spekulativen verleihen könnte. Baader, Ensslin, Meinhof, Raspe, das Quartett, das besonders unter Heroisierungsverdacht steht, wird hier nicht zum zentralen Personal. Im Mittelpunkt stehen vielmehr der Umgang einer Gesellschaft mit dem Terrorismus, Furcht und Zorn der Bevölkerung (Todesstrafe! Erschießt sie!), Hysterie und Legendenbildung (Isolationsfolter! Staatliche Morde!). Die Ausstellung bildet die Ängste der Polizisten ebenso ab wie deren Übergriffe. Sie zitiert aus Schülerzeitungen und aus hilflosen Gemeinderäten. Die RAF, so wird aus alledem deutlich, hatte ein ganzes Land in ihren Griff genommen.

So wird die Ausstellung zur Gesellschaftsanalyse. Und das nicht nur mit Bildern, Zeitungsausschnitten, Flugblättern, Plakaten, Briefen, nicht nur mit Objekten wie zum Beispiel der winzigen ins Stammheimer Gefängnis eingeschmuggelten Minox-Kamera oder dem Schnellhefter, in den ein Hohlraum geschnitten war, um darin eine Pistole zu verstecken, sondern vor allem mit Tondokumenten. Sie sind der berührendste Teil der Ausstellung.

Etwa die Trauer des Vaters eines erschossenen jungen Polizisten oder die Entscheidung des damaligen Stuttgarter Oberbürgermeisters Manfred Rommel, die durch gemeinschaftlichen Suizid aus dem Leben geschiedenen Terroristen sollten auch gemeinsam bestattet werden. Eine Geste der Weisheit und Versöhnung, die ihm Wutausbrüche eintrug, auch von seiner eigenen Partei, der CDU. „Für mich“, sagte er, „muss jede Feindschaft enden. Und für mich endet sie in diesem Fall beim Tod.“ Und ebenso großartig das Dokument der längst vergessenen Trauerrede, die Bundespräsident Walter Scheel bei der Beerdigung von Hanns Martin Schleyer hielt. Schwer zu ermessen heute, was es im deutschen Herbst, in der aufgeheizten Atmosphäre von 1977 bedeutete, am Grab des Ermordeten daran zu erinnern, dass auch die Mörder, die Terroristen eine menschliche Würde haben.

Dies sind Momente der Ausstellung, die einem den Atem stocken lassen, die vergegenwärtigen, dass es in jenen Jahren nicht nur um das verbrecherische Treiben einer sektiererischen Bande ging, sondern dass die Zivilität einer gesamten Gesellschaft auf dem Spiel stand.

Und noch größer wird die Ausstellung durch das, was sie nicht zeigt. Sie verzichtet auf alles Reißerische, verzichtet auf Heldenposen ebenso wie auf die brutale Zurschaustellung von Leichen. Keine Überhöhungen, keine Horrorgemälde. Nicht einmal die Totenmasken von Baader, Ensslin und Raspe, die ein Arzt nach deren Tod angefertigt hatte und die im Besitz des Hauses der Geschichte sind, werden ausgestellt. „Warum auch?“, fragt Sabrina Müller, „das sagt mir nichts, das zeigt mir nichts.“ Ihr Anliegen ist ein ganz anderes. Es geht um Wahrheitssuche. Für sie ist Museumsarbeit wie kriminalistische Arbeit. Was sie sammelt und was sie zeigen will, sind „Beweisstücke einer Wahrheit“.

Ausstellungen, hat Walter Benjamin gesagt, sollen bei ihren Besuchern Widerhaken hinterlassen. Die Gelegenheit zu besonders vielen solcher Hinterlassenschaften bietet sich in Stuttgart bis zum 23. Februar 2014.

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