Zeitung Heute : Beziehungs- Kisten

Keiner braucht sie, trotzdem begleiten sie einen in jede neue Wohnung: sinnlose Dinge, die man nicht wegwerfen kann. Vier Neuberliner kramen in ihren Umzugskartons.

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E SAINT-TROPEZ-SCHUHE

Ich weiß, es ist ein Frauenklischee – aber ich bin einfach süchtig nach Schuhen. Sehen Sie die Umzugskisten dahinten? Da sind mehr als 200 Paar drin. Und die Schränke im Schlafzimmer sind auch schon bis oben hin voll. Natürlich trage ich sie nie, aber ich kann die Dinger einfach nicht wegschmeißen. Ich komme ursprünglich aus Wellend, einer Kleinstadt in Kanada, bin aber sehr viel umgezogen in meinem Leben, weil ich immer für internationale Konzerne gearbeitet habe. Meine erste Auslandsstation war London, danach kamen Fontainebleau, Amsterdam, New York, Paris und jetzt Berlin. Die Schuhsammlung habe ich jedes Mal mitgeschleppt. Dieses Paar hier habe ich 1989 in Mumbles gekauft, einem kleinen Ort in Wales, wo meine Schwiegermutter lebt. Die waren damals todschick! Es war so die Art von Schuhen, mit denen man in Saint Tropez über die Strandpromenade flanieren würde. Mumbles liegt auch am Meer – wenn man so will, ist es das Saint Tropez von Wales, das war wahrscheinlich der Grund, warum ich mich dort in diese Schuhe verliebte. Als ich ein paar Jahre später von London nach Fontainebleau zog, habe ich sie schon nicht mehr getragen. Aber ich nahm sie natürlich trotzdem mit, auch bei allen Umzügen danach. Ob ich mich dafür verfluche, dass ich nichts wegschmeißen kann? Im Gegenteil: Ich verfluche mich für die Schuhe, die ich weggeschmissen habe! Einmal habe ich meiner Schwester ein altes Paar geschenkt. Nach ein paar Tagen habe ich es bereut und die Dinger zurückgefordert – ja, im Ernst! Ich glaube, es ist ein bisschen wie Kunstsammeln. Oder glauben Sie, dass man so ein Paar Schuhe noch mal findet?

Sharon Christians, Senior Director Worldwide Communications bei Bombardier, lebt seit Januar in Mitte.

E WAVEBOARD

Vor knapp 15 Jahren habe ich mir auf Fuerteventura ein Waveboard gekauft, ein Mini-Surfbrett, auf dem man knien oder mit dem Oberkörper drauf liegen kann. Ich war damals 17 und habe auf Fuerteventura Urlaub gemacht. Jeder am Strand hatte so ein Board, also habe ich mir auch eines gekauft. Ich musste aber ziemlich schnell feststellen, dass andere viel besser mit dem Ding umgehen konnten als ich. Nach ein paar erfolglosen Versuchen habe ich aufgegeben und das Board in die Ecke gestellt. Ich habe es aber mit nach Hause zu meinen Eltern genommen und anschließend auch mit in meine erste Wohnung in Stuttgart. Da stand es so als Angeber-Teil in meinem Zimmer – wie manche eine E-Gitarre rumstehen haben, obwohl sie gar nicht spielen können. Ein Waveboard ist da natürlich besser, weil niemand sagen kann: Zeig doch mal, was du drauf hast. Zumindest nicht in Stuttgart. Meine nächsten Stationen waren Miami und San Francisco und das Waveboard war dabei, aber benutzt habe ich es eigentlich nur in San Francisco – als Sonnenschutz im Fenster. In Cleveland, Ohio, und in Toronto konnte ich dann überhaupt nichts mehr damit machen. Höchstens hätte ich mir beim Planschen im Lake Erie bei Cleveland eine Schwermetallvergiftung holen können. Trotzdem habe ich das Waveboard nie weggegeben, für mich ist es fast zu einem Symbol geworden. Jetzt in meiner neuen Berliner Wohnung stelle ich es in den Keller – gleich neben die Skischuhe, die ich nie benutzt habe.

Marcus Lövenforst, Director of Food and Beverage im Ritz-Carlton, lebt seit August in Mitte.

E BLECHSPARDOSE

Bei Theater- und Opernleuten ist es Tradition, dass man sich bei der Premiere gegenseitig beschenkt. Das ist ein bisschen wie Wichteln: keine teuren Sachen, meistens auch keine nützlichen, sondern einfach so Nippes, der möglichst originell ist und in irgendeiner Beziehung zur Probenphase steht. Bei meiner letzten Produktion in Stuttgart brauchten wir etwa ein Auge fürs Bühnenbild, ich habe immer neue Augen anfertigen lassen und sie dann wieder verworfen, einmal ein gemaltes, dann mit Videoprojektion und so weiter. Bei der Premiere haben sie mir dann einen Schlüsselanhänger mit einem Plastikauge geschenkt. So häuft man über die Jahre einen ganzen Schatz mit solchem Kram an – aber spätestens wenn man umzieht, landet das meiste in der Mülltonne. Einmal habe ich allerdings von einer Regieassistentin ein altes Blechspielzeug bekommen, das ich behalten habe. Es ist eine Art Action-Spardose, ein kleines Vogelhäuschen mit Kurbel und einer Vorrichtung, die eine Münze festhält. Es funktioniert so: Man steckt eine Münze in die Haltevorrichtung, dreht an der Kurbel, und aus einem Loch in dem Häuschen kommt ein Specht heraus und schnappt die Münze. Dann verschwindet der Specht wieder, und die Münze ist weg. Die Haltevorrichtung ist aber kaputt, deshalb funktioniert das Ding nicht mehr. Ich war immer wieder kurz davor, es wegzuwerfen und habe es dann doch behalten. Es sieht einfach nett aus und ist auch immer faszinierend für Kinder, die zu Besuch sind.

Jens Schroth, Dramaturg an der Staatsoper Unter den Linden, lebt seit August in Friedrichshain.

F PAPPMACHÉ-ZEBRA

Ich habe einen guten Freund, von dem ich eigentlich immer tolle Geschenke zum Geburtstag bekomme, eine witzige Postkarte zum Beispiel oder ein schönes Buch. Einmal hat er mir einen illustrierten Gedichtband von Ernst Jandl geschenkt, ein anderes Mal ein Bilderbuch für Kinder, mindestens ein Kunstband war auch schon dabei. Nur vor fünf Jahren hat er mir einmal ein komisches Geburtstagsgeschenk gemacht: Ein Zebra aus Pappmaché. Ich habe zwar gelacht und gesagt „Das ist ja schön!“, aber ich wusste sofort, dass ich nichts damit anfangen kann. Es ist etwa so groß wie ein Dackel und eigentlich sieht es gar nicht so schlecht aus. Also, es ist nicht hässlich, aber eben auch überhaupt nicht mein Geschmack und es macht keinen Sinn. Ich weiß nicht, vielleicht hätte ich es schon weggeworfen, wenn es nicht von diesem Freund wäre. Wir kennen uns noch aus Münster, wo ich aufgewachsen bin. Er hat lange in einer Laientheatergruppe mitgemacht, in der ich auch für kurze Zeit gespielt habe. Von Münster aus ist das Zebra dann mit mir durch die halbe Republik gezogen. Erst für eine kurze Zeit nach Berlin, anschließend nach Leipzig, wo ich auf der Schauspielschule war, dann über Weimar und Bochum wieder nach Berlin. Leider gibt es gar keine spannende Geschichte zu dem Zebra, obwohl es immer alles mitbekommen hat. In meiner neuen Wohnung steht es in der Ecke neben dem Spülschrank – und bei meinem nächsten Umzug ist es sicher wieder dabei.

Lea Draeger, Schauspielerin an der Schaubühne, lebt seit Juni in Charlottenburg.

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