Zeitung Heute : Biedermanns Bedenken

„Da sind ja fanatische Nationalsozialisten.“ Warum der sächsische NPD-Abgeordnete Jürgen Schön aus seiner Partei ausgetreten ist

Axel Vornbäumen[Leipzig]

Zwei Tage vor Heiligabend, so kurz vor Mitternacht, sind Jürgen Schön und seine Frau Steffi aus der NPD ausgetreten. „Mensch Mama“, hat Schön irgendwann nach Stunden der Diskussion zu seiner aufgewühlten Frau gesagt, „nu’ heul doch nich.“

Dann ist er aufgestanden aus der wuchtigen Polstergarnitur, die sein Wohnzimmer in der kleinen Leipziger Mietswohnung schier erdrückt, ist die paar Schritte nach nebenan in sein Büro gegangen und hat die beiden zuvor auf der Schreibmaschine getippten Erklärungen aufs Faxgerät gelegt – eine an den NPD-Parteivorstand in Berlin, die andere an Sachsens Landtagspräsident Erich Iltgen. In beiden erklärt er seinen Austritt mit „sofortiger Wirkung“ sowie, dass er sein Landtagsmandat behalten werde; Iltgen bittet er „um den Schutz meiner Person und meiner Ehegattin. In meiner Heimatstadt Leipzig ist die Gefahr von Übergriffen seitens rechtsradikaler Elemente besonders hoch einzustufen.“

Es ist ein Schlussstrich nach fast 15 Jahren Parteiarbeit, in denen Schön sehr viel von sich und zudem „so etwa die Hälfte“ seines bescheidenen Vermögens in die NPD investiert hat – leicht gefallen ist ihm das nicht. Drei Stunden später, mitten in der Nacht, klingelt es an der Haustür. Die Schöns machen nicht auf, glauben aber, dass das „der Staatsschutz“ war.

Jürgen Schön, 57, Vater Sozialdemokrat, Schwager Algerier, Nachbar Jude. Ein Patriot, wie er sich selbst beschreibt, kein Ideologe, eher Praktiker, ausgebildeter Schriftsetzer, später nach der Wende ein paar Jahre im Werkschutz tätig. Ein Biedermann. Kein Brandstifter. Einer, den sein tief sitzender Antikommunismus dazu getrieben hat, 1990 im Osten Deutschlands die NPD mit aufzubauen, weil ihm das am glaubwürdigsten vorkam, irgendwie. Er wird der erste Landesvorsitzende der sächsischen NPD, September 1990 ist es da, die DDR liegt in den letzten Zügen. Seine Mitgliedsnummer 67445 ist die zweitniedrigste, die es im Osten Deutschlands gibt; die 67444 gehört seiner Frau Steffi. Nach allem, was war und was ist: Jürgen Schön ist stolz darauf. „Wenn ich was mache, dann mache ich es richtig.“

Ab 1995 ist er hauptamtlich bei der NPD angestellt. Die Partei wird Familie, Heimat, Freundschaften entstehen. Sein Kreisverband Leipzig wird der stärkste in „Mitteldeutschland“. Den Mitgliedsbeitrag der einen oder anderen „Karteileiche“ zahlt er auch schon mal aus eigener Tasche. Von 1996 an wird Schön stellvertretender Bundesvorsitzender, im Herbst 2004 zieht er gemeinsam mit elf anderen Abgeordneten in den sächsischen Landtag ein. Die Republik ist geschockt, es ist der größte Triumph der rechtsextremen NPD seit Jahrzehnten. „Heute Sachsen, morgen Deutschland“ trompetet der sächsische NPD-Fraktionschef Holger Apfel, der NPD-Bundesvorsitzende Udo Voigt gibt als nächstes Ziel den „Einzug in den Reichstag“ aus. Es sind die besten Tage der NPD seit langem, Schön ist mittendrin. Er verhilft der NPD-Fraktion zu einem dünnen bürgerlichen Anstrich.

Nun hat Jürgen Schön, der Biedermann, doch noch einen Brand entfacht – das Feuer lodert in der NPD, Schön hat die rechtsextreme Partei in ihre größte Krise gestürzt.

Nach Mirko Schmidt und Klaus Baier ist er der dritte NPD-Landtagsabgeordnete, der binnen einer Woche die Fraktion verlässt. Schön ist der prominenteste. „Ja“, sagt er und legt den kleinen Terminkalender, in den er die Ereignisse der vergangenen Tage akribisch eingetragen hat, für einen Moment beiseite, „ich bin ein echter Verlust für die, das ist ein herber Schlag.“

Doch Jürgen Schön, kariertes Hemd, untersetzt, kugelbäuchig, rhetorisch eher im Mittelfeld, sieht nicht aus wie ein Schläger, auch nicht im übertragenen Sinn. Schön sieht in diesen Tagen eher aus, wie einer, der Schläge fürchtet, wie jemand, dessen Welt zusammengebrochen ist. Er war der Letzte der drei Abtrünnigen, doch er war es auch, der sich am weitesten vorgewagt hat. „Der überwiegende Teil des Bundesvorstandes einschließlich des Vorsitzenden Udo Voigt besteht aus bekennenden Neonazis“, sagt Schön, einige seiner ehemaligen Fraktionskollegen hält er sogar für „fanatische Nationalsozialisten“. Nun will er „dafür sorgen, dass noch mehr austreten“.

Jürgen Schön sagt, er habe kein „von der NPD ausgehendes Bedrohungsgefühl“, aber er berichtet auch von einer SMS, die er in den Tagen nach Weihnachten erhalten habe: „Du Verräterschwein, betritt ja nie wieder die Reichshauptstadt, dann greifen wir dich!“ Jürgen Schön sagt, er habe mit dem Verfassungsschutz nichts zu tun, „das passt nicht in meinen ganzen Lebenslauf“.

Jürgen Schön, 57, Vater Sozialdemokrat, Schwager Algerier, Nachbar Jude. Aus einem deutschen Leben. Nicht alles passt. Und vieles passt auch den „Kameraden“ in der NPD nicht, Schöns Sympathie für den 1922 ermordeten Außenminister Walter Rathenau zum Beispiel. Mehrfach eckt er an, wird abgestempelt als Judenfreund. „Dieser krankhafte Hass auf alles Jüdische hat mich immer mehr abgestoßen“, sagt er. Geblieben ist er trotzdem. Gleiches habe für Abende nach Vorstandssitzungen gegolten, in denen der NPD-Vorsitzende Udo Voigt davon erzählt habe, dass er eine Hakenkreuzfahne in seinem Kleiderschrank hat. Aufgemuckt hat Schön nicht.

Zu offenen Konflikten kommt es erst, als Schön von seinen NPD-Fraktionskollegen für zwei Redeauftritte im Dresdener Landtag gemaßregelt wird. Einmal erwähnt er seinen algerischen Schwager, ein anderes Mal seine ukrainischen Bekannten, eine Familie, in der der Großvater Jude sei. In der Kantine nehmen ihn die Abgeordneten Jürgen Gansel und Uwe Leichsenring in die Mangel. Er solle aufhören, über seine algerischen Verwandten und jüdischen Freunde zu reden, zischt Gansel. Leichsenring raunzt ihn an, sein Redebeitrag sei „das Dümmste“ gewesen, was er je gehört habe. Schön beginnt, gelegentlich zur CDU-Fraktion hinüberzuschielen. Seriös gehe es da zu, sagt er. „Ich bin sehr fürs Seriöse.“ Es ist die Zeit, in der er unzufrieden ist „und auch ein bisschen depressiv“. Einmal bringt er das Neue Testament mit in den Landtag, legt es auf seinen Tisch. Es ist keine Provokation, doch es soll ein Zeichen sein, für die neben ihm sitzende NPD-Abgeordnete Gitta Schüßler, die des Öfteren eine Kladde mit ins Plenum bringe, auf der ein Adler zu sehen ist, der sich gerade einen Fisch greift. „Ich weiß nicht, ob Sie Christ sind“, sagt Schön, „der Fisch ist das Symbol für das Christentum.“ Aus der CDU-Fraktion fragt ihn irgendwann mal eine Abgeordnete am Rande einer Sitzung: „Na, sind Sie nicht in der falschen Partei?“

Jürgen Schön kann zu diesem Zeitpunkt nicht erklären, ob er tatsächlich in der falschen Partei gewesen ist. Wahrscheinlich könnte er es auch jetzt noch nicht, wahrscheinlich wäre er auch heute noch in der NPD, hätte er die aufregenden Tage in der Woche vor Weihnachten nicht hautnah miterlebt. Schön war dabei, als zunächst Mirko Schmidt auf einer Weihnachtsfeier in Meißen seinen Austritt erklärt. Es ist der 17. Dezember. Er, Schön, selbst ist es, der Udo Voigt am Telefon informiert. Voigt ist entsetzt. Fraktionschef Apfel schäumt. Als wenig später klar wird, dass Schmidt im Rahmen des Aussteigerprogramms des sächsischen Verfassungsschutzes beraten wurde, geben der NPD-Landesvorsitzende Winfried Petzold und Fraktionschef Holger Apfel die Parole aus, dass es sich hier um eine „langfristig geplante Maßnahme des Geheimdienstes“ handle. Die NPD hat ein neues Feindbild: Mirko Schmidt, den „Verräter“. In mehreren Telefongesprächen werden die Abgeordneten ermahnt, mit Schmidt keinen Kontakt mehr zu pflegen. Auf einer gemeinsamen Sitzung des Landesvorstands mit der Fraktion am 20. Dezember fordert der aus Berlin angereiste Parteichef Voigt dazu auf, Schmidt solle „Klassenverschiss kriegen“. Was darunter zu verstehen ist, erläutert Voigt auf der Sitzung in unappetitlichen Details, die Toilette des Dresdner Landtags spielt dabei eine Rolle, Urin, oder auch Kaffee, den man Schmidt über den Anzug kippen solle. Schön ist entsetzt. Nach der Sitzung spricht er Voigt an: „Udo, wie kannst du als Offizier solch plebejerhafte Anweisungen geben.“

Nach der Sitzung informiert Jürgen Schön seinen Fraktionskollegen Klaus Baier. Der ist über die Kontaktsperre zu seinem Freund Schmidt so aufgebracht, dass er ebenfalls austritt, „menschlich enttäuscht“ und, wie er in einer Pressemitteilung formuliert, mit der Versicherung „an Eides statt, dass ich niemals für den Verfassungsschutz sowie einen anderen Geheimdienst gearbeitet habe. Auch wurde ich niemals von einem Geheimdienst angeworben.“

Es ist der 20. Dezember. Jürgen Schön und seine Frau Steffi sind immer noch in der NPD. Noch eine Sache, denkt er, dann trete ich auch aus.

Die „Sache“ kommt am Abend des 22. Dezember. Jürgen Schön sieht im Fernsehen, wie sein Freund Klaus Baier im heimischen Annaberg-Buchholz mit einem TV-Team spricht, dabei aber ganz offensichtlich von Rechtsextremen eingeschüchtert wird. Nach der Sendung setzt sich der NPD-Landtagsabgeordnete Jürgen Schön an seine Schreibmaschine und tippt seine Austrittserklärung. Seine Frau Steffi schluchzt, vor allem auch wegen der Freunde, die sich nun von ihnen, den Schöns, lossagen werden.

Es sind schwere Minuten, aber leichter wird die Zeit danach auch nicht. Schön telefoniert viel in den Tagen nach seinem Austritt, auch mit Winfried Petzold, dem NPD-Landeschef. Petzold sagt, ihn schmerze der Abgang Schöns am meisten. „Schön hat zur NPD gepasst.“ Schön sagt, eigentlich passe auch Petzold nicht. Der NPD-Chef werde innerparteilich zunehmend unter Druck gesetzt, weil er mit einer Ukrainerin verheiratet ist. Es gilt in der sächsischen NPD als offenes Geheimnis, dass Fraktionschef Apfel seinen Posten haben will. Petzold sagt: „Ukrainer sind nationaler als unsere eigenen Deutschen eingestellt.“ Seine Frau sei ja schließlich „keine Mongolin“, sie habe schon die „gleiche Rasse“, entstamme dem „gleichen Kulturkreis“.

Jürgen Schön, 57, Vater Sozialdemokrat, keine Kinder, leider, aber eine Katze. Wäre der Vater damals in den Westen gegangen, sagt Schön heute, hätte er Sozialdemokrat bleiben können und wäre nicht an der „Zwangsvereinigung“ zerbrochen, hätte er, Jürgen Schön, in die West-CDU eintreten können und sich nicht einer Blockpartei verweigern müssen, wäre sein politisches Leben anders verlaufen. Vielleicht. Bestimmt. Wenn er die Zeit zurückdrehen könnte, sagt Jürgen Schön nun, würde er in die CDU eintreten, trotz alledem. Und wenn er einen Wink bekäme, würde er sich eher heute als morgen bei der CDU einschreiben. Es sieht nicht danach aus, dass dieser Wink kommt.

Seine fraktionslosen Kollegen Schmidt und Baier, so wird es wohl kommen, wollen alsbald eine „Sächsische Volkspartei“ gründen; Schön, immer noch auf der Suche nach einer Heimat, kann sich vorstellen, ihnen als Berater zur Seite zu stehen, wenn in der Satzung verankert ist, dass man sich von jedwedem Extremismus, egal ob von links oder rechts, distanziert. Er selbst will wieder anfangen, Gottesdienste zu besuchen. „Ich werde versuchen, meinen Glauben zu festigen.“

Und dann muss er auch wieder nach Dresden, in den Landtag. Schon bald. Davor, sagt Jürgen Schön, „habe ich mehr Bammel als nachts auf der Straße“.

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