Zeitung Heute : Bilder einer Ausstellung

Der Tagesspiegel

Von Andreas Conrad

Nein, persönliche Erinnerungen an ihren Vater hat sie keine. Ein halbes Jahr war Eva Riehl alt, als Walter Ruttmann am 15. Juli 1941 in Berlin starb. Auch ihre Beziehung zu der Stadt, der er 1927 in „Berlin. Die Sinfonie der Großstadt“ ein Denkmal gesetzt hat, ist locker geworden. Aufgewachsen ist sie in Wien und München, lebt auch heute in der Stadt an der Isar.

Ihr Wissen über das berühmteste Werk ihres Vaters hat sie nur aus zweiter und dritter Hand, ihre Mutter, seit 1938 mit Ruttmann verheiratet, konnte nur indirekt berichten. Und sehr viel dürfte auch sie nicht von ihrem Mann über die Dreharbeiten erfahren haben. Wenn Ruttmann eine Sache abgeschlossen hatte, war sie für ihn erledigt, nicht länger Gegenstand ausschweifender Erinnerungen.

Arbeiten von Thomas Schadt, der nun mit „Berlin – Sinfonie einer Großstadt“ ein modernes Gegenstück zu dem alten Film gedreht hat, kannte Eva Riehl vorher nicht. Vor anderthalb Jahren hatte er ihr geschrieben, man traf sich, und er erläuterte ihr sein Vorhaben. Danach wusste sie: „Wenn es einer machen soll, dann er.“

Dabei hatte sie den neuen Film nur auf Video gesehen, als sie gestern Nachmittag der Eröffnung der Ruttmann und Schadt gewidmeten Ausstellung im Filmmuseum beiwohnte und natürlich sofort nach ihrem Urteil gefragt wurde. Schadt lasse dem Zuschauer mehr Zeit als ihr Vater, sagte sie. Er wähle oft lange Schwenks, lasse die Bilder stehen, wo ihr Vater, darin damals revolutionär, die Bilder in kurzen Schnittfolgen gegenüberstellte.

Es muss sich bei einem Dokumentarfilm schon um ein besonderes Projekt handeln, wenn ihm eine Premiere gegönnt wird wie sonst nur kassenträchtigen Spielfilmen. Am Nachmittag die Eröffnung im Filmmuseum, mit Präsentation zweier Bücher: Eine informative Gegenüberstellung der beiden Filme und der Künstler. Hier Ruttmann, der später an seinen „Sinfonie“-Erfolg nie recht anknüpfen konnte, mit Edmund Meisel als Komponist, dessen Musik schon Sergej Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ zum Schwimmen gebracht hatte. Dort Schadt, Träger des Grimme- und des Deutschen Fernsehpreises, mit dem Komponistenpaar Helmut Oehring und Iris ter Schiphorst. Oder, ins Technische gewendet: hier Kimano-Handkamera, dort Arriflex III, hier der Stadtplan von 1928, die Drehorte mit Fähnchen markiert, dort das Gegenstück von 2000. Am Abend Premiere in der Staatsoper Unter den Linden mit Prominenz wie Moderatorin Sandra Maischberger und Oscar-Gewinner Pepe Danquart. Später im Saal Orchesterbegleitung, wie es sich gehört für ein Ausnahmewerk. 70 Musiker waren es 1927 im Tauentzienpalast gewesen, verstärkt durch Geräuschemacher im Publikum. Die Presse schwärmte: „Das Haus rast Beifall.“

„Berlin – Sinfonien einer Großstadt“, Filmmuseum, Potsdamer Straße 2, bis 30. Juni.

Thomas Schadt: Sinfonie einer Großstadt. Nicolai-Verlag, Berlin. 168 Seiten, 116 Fotos, 24,90 Euro.

Th. Schadt: Das Gefühl des Augenblicks. Zur Dramaturgie des Dokumentarfilms. Bastei-Lübbe, Bergisch-Gladbach. 316 S., 14,90 Euro

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