Zeitung Heute : Bilder gucken

Nicola Kuhn

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann

Von Kritikerkollegen weiß ich wohl, dass man bei Kunst und Kindern größte Vorsicht walten lassen sollte. Bei überhöhter Dosis passiert es immer wieder, dass der hoffnungsvolle Nachwuchs gnadenlos verdammt, gerade was man liebt. Jan und Josefine haben sich da bislang bestens gehalten. Gut, als Babys konnten sie sich kaum wehren. Ich schob die noch willenlosen Wesen in ihrer Zwillingskarre durch die Museen der Stadt, meist selig schlummernd, misstrauisch vom Wachpersonal beäugt, ob hier nicht Randale droht. Die nächste Phase trat mit dem Krabbelalter ein, als Jan und Josefine bereits erste Worte sagten. Als besonders geeignet erwies sich hier die Malerei des 17. Jahrhunderts. Angesichts all der Christuskinder und Putten, also ihresgleichen, waren die beiden hin und weg. Auch Stillleben kamen bestens an, sobald darauf Äpfel oder Hasen zu finden waren. Sie nahmen das Museum als das größte Bilderbuch von allen.

Mit dreieinhalb Jahren befinden sie sich nun im fortgeschrittenen Besucheralter, reif für die Moderne. Am Wochenende haben wir deshalb die Sammlung Berggruen besucht. Josefine war sogleich in ihrem Element, baute sich vor jedem Gemälde auf und kommentierte. Von Picassos kubistischen Deformationen war sie zwar nicht zu überzeugen. „Das gibt’s doch gar nicht“, erklärte sie zu den verrutschten Augen, Nasen, Mündern. Und der berühmten „Dame mit grünen Nägeln“ empfahl sie, sich dieselben doch einmal zu schneiden. Jan interessierte sich eher für die Besucher. „Was hast Du denn da?“, fragte er einen irritierten Vollbartträger. Sogar Museumswärter mussten Rede und Antwort stehen, auch wenn die Auskunft „Ich passe hier auf Bilder auf“ Jan nicht wirklich überzeugte.

Wieder daheim verlangten die beiden sogleich nach ihren Wasserfarben und wollten „pinseln“, abstrakt versteht sich, aber mit sehr konkreten Titeln. „Der Mann“ lautete dieser bei Jan, „Zuhause“ bei Josefine. In mir meldete sich sogleich die Kritikerin, denn entzückt entdeckte ich in ihren Werken die Kleeschen Farben. Und begann zu ahnen, worin tatsächlich die Gefahr besteht: nicht im Zuviel an Kunst und Kindern, sondern in den Kritikerallüren.

Sammlung Berggruen, Schlossstraße 1, Dienstag bis Sonntag 10–18 Uhr.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar