Zeitung Heute : Bilder vor der Haustür machen

Von Elisabeth Binder

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Ja, ich bin eine ganz enthusiastische Hobbyfotografin. Aber als ich letztens mal meine Sammlung durchging, habe ich trotzdem einen Schreck bekommen.

Es gibt einige Urlaubsorte, die ich über Jahre regelmäßig angesteuert habe, Venedig zum Beispiel, Tucson, Arizona, oder auch Corralejo. Von jedem dieser Aufenthalte gibt es Bilder, und weil das offenbar beruhigend ist, sind es immer die gleichen. San Giorgio vom Wasser aus, San Giorgio von der Giudecca aus, San Giorgio von der Brücke aus. Da San Giorgio langsamer altert als die Menschen (als ich zum Beispiel, leider), sind sich die Bilder alle ziemlich ähnlich. Auch die große Düne bei Corralejo hat sich kaum verändert, das Gleiche gilt für Gates Pass und Sabino Canyon. Trotzdem gibt es von diesen Motiven stapelweise Fotos.

Es findet sich in meiner Sammlung aber keines vom Abend des 9. und vom Morgen des 10. November 1989, als wirklich mal was passiert ist, als sich die Stadt, das Land und die Welt veränderten, und all dieses zuerst genau hier sichtbar wurde. Direkt vor meiner Haustür. Man hätte die Kamera nur aus dem Fenster zu halten brauchen. Die Menschen, die noch fremd vorbeiziehen, die glücklichen Gesichter, die Stellung der Lippen, wenn man „Wahnsinn“ sagt. Bin ich gar nicht drauf gekommen. Das ist das System, an das man normalerweise glaubt: Die Fremde ist immer fremd, das Zuhause immer vertraut. Die Fotos erzählen was Anderes. Die Fremde, jedenfalls der mir vertraute Teil der Fremde, ist sehr viel träger, wenn es um Veränderungen geht, als Berlin mittendrin.

Das alles hätte ich mir nie vielleicht nie bewusst gemacht, wenn mein Job nicht regelmäßige Besuche von Glitzerveranstaltungen verlangte.

Am Rande des Roten Teppichs warten in der Regel Dutzende Fotografen und Kameraleute. Und wenn dann ein Darsteller aus einer Vorabendserie auftritt, ein Moderator gar oder gleich jemand vom Film, entsteht jedes Mal der gleiche Aufruhr: „Hierher, bitte hierher.“ Und es klickt und blitzt und ruft und hypt, als sei dies die allerletzte Chance, ein völlig einmaliges Bild von, sagen wir Udo Walz zu bekommen. Dabei ist es doch im Grunde immer der gleiche Wanderzirkus, der allabendlich von Fete zu Fete zieht, so ähnlich wie andere Leute in die Kneipe gehen, nur, dass die sich nicht immer so aufbretzeln müssen, die Glücklichen. Natürlich variieren Gästelisten, auch schöne Schauspieler haben mal die Grippe oder was anderes vor. Aber im Prinzip posieren Abend für Abend die immer gleichen Leute auf dem Teppich, und für die Kameraleute ist es ein irrer Stress, weil sie sich irgendwie in die erste Reihe drängen müssen, um das ultimative Foto zu kriegen. Das tun sie, weil sich die meisten Leute für Prominente interessieren.

Heute ist Sonntag, der Tag der Spaziergänge. Warum nicht mal rausgehen und sich ganz bewusst Menschen anschauen, die man gar nicht kennt. Schult den Blick fürs Wesentliche. Und man kann die überraschendsten Entdeckungen dabei machen. Hobbyfotografen sollten ihre Kameras dabei haben und außerdem jede Ecke fotografieren, die vor fünf Jahren noch ganz anders aussah. Vergessen Sie nicht, sich viele Filme einzustecken.

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