Zeitung Heute : Bilderbücher lesen

Nicola Kuhn

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann

Wenn Jan und Josefine vom Spielplatz nach Hause kommen, dann vernehmen sie auf den letzten Metern wie einst Odysseus wahre Sirenenklänge: Linker Hand lockt die Eisdiele der Pizzeria „Roma“ mit einladenden Stühlen, rechter Hand verführt das „Purzelbuch“ mit Schaukelkrokodil und Pixiebüchern schon vor der Tür. Aus meiner Sicht ähnelt das Szenario eher Skylla und Charybdis.

Dabei meinen es diese Meerungeheuer der Straße nur gut mit unseren Kindern. Ein Eis bringt am Ende eines anstrengenden Spieltages die Stimmung wieder in Schwung; ein Buch bildet schon von der ersten Pappdeckelseite an. Vor allem macht es Spaß, darin zu blättern und die Bilder anzuschauen. Mag sein, dass deshalb die Tanten und Onkel von Jan und Josefine ihnen am liebsten Bilderbücher schenken. Auch sie können noch etwas von Müllmann Klaus über Recycling lernen oder mit der Gans Borka fühlen, die im Strickpullover den kalten Winter überstehen muss.

Seit Jan und Josefine vor einer Woche ihren vierten Geburtstag gefeiert haben, besitzen sie eine nahezu komplette Handbibliothek des Ritterwesens. Gemeinsam vertiefen wir uns vor dem Schlafengehen in ihre Kinder-Fachliteratur. Wir wissen nun genau, wie das damals mit den Burgfräulein und Knappen war. Größter Beliebtheit erfreut sich die Seite mit dem auf einem Lokus thronenden Ritter, dessen stilles Örtchen weit über die Burgmauer ragt. Mittels Klapptür offenbart er sich in aller Nacktheit. Besonders Jan nimmt diese Lektüre ernst. Ohne sein neues Holzschwert (neben der himmelblauen Plastikuhr) geht er nicht mehr ins Bett. Es könnte ja sein, dass es nachts Drachen zu verjagen gibt.

Gemeinsamer Favorit aber ist das Buch vom Jungen, der immer sagt „Aber ich will“. Gleich auf der ersten Seite schießt er seine Mutter zum Mond, damit er nach Herzenslust toben, rülpsen, rumschmieren kann. Am Ende braucht er sie allerdings doch – zum Vorlesen einer Gutenacht-Geschichte. Das lässt uns drei jedes Mal wieder zusammenrücken. In Leselust vereint haben wir deshalb neulich das „Purzelbuch“ besucht. Jan erwarb einen Globus-Schlüsselanhänger, Josefine Glitzertattoos und ich ein Bilderbuch.

Am 3.9. feiert das „Purzelbuch“, Belziger Straße 53, ab 10 Uhr sein einjähriges Bestehen.

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