Zeitung Heute : Bildern in die Seele schauen

Kino ist mehr als bewegte Bilder. Es ist ein kulturelles Phänomen. Die Filmwissenschaft an der Freien Universität will wissen, warum wir ins Kino gehen und was uns an Filmen fasziniert

Oliver Trenkamp

Wenn der rote Teppich ausgerollt wird, Blitzlichter und Kameras in Stellung gebracht sind, die Fans vor Spannung fast platzen – dann ist es so weit. Am Donnerstag, den 10. Februar, beginnt die Berlinale. Für zehn Tage ist Berlin Filmhauptstadt. Mehr als 20 Filme, darunter drei deutsche, gehen ins Rennen um die Goldenen und Silbernen Bären und um die Gunst des Publikums. Auch der Jury sitzt diesmal ein Deutscher vor: Hollywood-Regisseur Roland Emmerich, bekannt durch Erfolgsfilme wie Independence Day, Godzilla und sein jüngstes Werk zur drohenden Klimakatastrophe, The Day After Tomorrow. Emmerich ist bei den Filmfestspielen in Berlin kein Unbekannter. Seine internationale Karriere begann hier mit dem Film Das Arche Noah Prinzip, der 1984 auf der Berlinale lief.

Doch die Berlinale ist nicht nur für Regisseure, Schauspieler und Kritiker von Bedeutung. Auch Filmwissenschaftler nutzen das breite und abwechslungsreiche Angebot. „Das ist eine ganz besondere Zeit im Jahr“, sagt Hermann Kappelhoff, Professor am Seminar für Filmwissenschaft der Freien Universität Berlin (FU). „Meine Studenten und ich genießen es, sich ausschließlich auf das Kino konzentrieren zu können.“ Anders als der Jury rund um Roland Emmerich geht es Kappelhoff aber nicht darum, die Qualität der einzelnen Filme zu bewerten. Er sieht die Aufgabe der Filmwissenschaft darin, „das Kino als kulturelles Phänomen“ zu betrachten. Die Frage lautet nicht: Was ist ein guter Film? Sondern: Warum gehen wir ins Kino? Warum schauen wir manche Filme gern?

Zwischen Kitsch und Kunst zu unterscheiden, überlässt er anderen. Das zeigt zum Beispiel seine intensive Beschäftigung mit dem Film Titanic von James Cameron, der weltweit mehr als 1,8 Milliarden US-Dollar eingespielte. „Mich hat fasziniert, wie emotional ergriffen viele Zuschauer waren“, sagt Kappelhoff, „und natürlich der immense kommerzielle Erfolg.“ Bei Titanic entdeckte er ein filmisches Grundthema, das durch seine geniale Einfachheit besticht: „Der Film ist wie ein Schlager strukturiert, das Grundthema wiederholt sich.“ Die beiden Hauptfiguren treffen sich und werden wieder getrennt, treffen sich und werden wieder getrennt. Der Film schafft es, fast vier Stunden lang immer neue Formen des Treffens und Trennens zu zeigen – und das auf eine komplexe und subtile Art. „Nach dem Erfolg haben viele probiert, das nachzumachen“, erklärt Kappelhoff, „es funktioniert aber nicht in jeder Konstellation.“ Bei Titanic spiele auch eine Rolle, dass das Schiff „einen völlig abgeschlossenen Sinn-Kosmos“ darstelle, also dass die Handlung auf das untergehende Schiff begrenzt sei.

Ein wissenschaftliches Patentrezept für einen ultimativ erfolgreichen Film gibt es nicht. „Es lässt sich jedoch nicht leugnen, dass das Genießen für einen erfolgreichen Film nötig ist“, erklärt Kappelhoff. Kino, das nur anstrengend ist oder ausschließlich Inhalte kommuniziert, habe es schwerer.

Das „sentimentale Genießen im dunklen Raum des Kinos“ steht im Mittelpunkt von Kappelhoffs neuem Buch. Es heißt „Matrix der Gefühle“. Anders als allgemein angenommen, versteht Kappelhoff das sentimentale Genießen, beispielsweise das Weinen während des Films, nicht als Niederung eines höheren ästhetischen Gefühls, sondern als „Zentrum der kulturellen Praxis“. Es gebe eine direkte Linie vom Theater der Empfindsamkeit des 18. Jahrhundert, „der Gründerzeit der bürgerlichen Seele“, bis hin zum Hollywood-Melodram. Das Kino nimmt wesentliche Elemente der bürgerlichen Unterhaltungskultur aus dem 18. Jahrhundert auf: „Dazu gehört, dass man sich versammelt. Dazu gehören das Schweigen und das ausschließliche Spektakel vorne auf der Bühne beziehungsweise der Leinwand. Und dazu gehört die Verdunklung“, so Kappelhoff. Vor allem die Dunkelheit sei wichtig für das emotionale Erleben im Kino. Sie bewirke „eine Vereinzelung in der Masse“. Wenn der Filmheld stirbt, weint jeder Zuschauer für sich – gleichzeitig weinen alle Zuschauer zusammen.

Die wissenschaftliche Betrachtung von Film und Kino kann nicht getrennt von Kultur verstanden werden. Hermann Kappelhoff sieht sein Fach denn auch als „wichtiges Scharnier zwischen Geisteswissenschaft und modernem Kulturbetrieb“. In einer Welt, in der Bilder für die Kommunikation immer wichtiger werden, möchte er seine Studierenden nicht als visuelle Analphabeten entlassen.

Die zweite Professur am Seminar für Filmwissenschaft hat Gertrud Koch inne. Sie sieht als zentrales Moment für die Faszination am Kino vor allem die Bewegung. „Über die Beobachtung von Bewegungen werden wir in eine Handlung eingeführt“, sagt sie. Da wir nicht wissen, wie die Bewegung weitergehe, falle es uns schwer, uns wieder aus der Handlung herauszulösen. Das gleiche wahrnehmungspsychologische Phänomen tritt beispielsweise auf, wenn wir Wellen am Strand beobachten – wir wollen wissen, wohin sie sich bewegen und starren gebannt aufs Meer.

Von ihren Studierenden erwartet Koch, dass sie ein solides analytisches Handwerkszeug erlernen. „Film ist mehr als die bloße Handlung“, sagt sie, „der Film muss zerlegt werden in seine einzelnen Bestandteile wie Licht, Ton, Farbe usw.“ Damit die Studierenden im Training bleiben, müssen sie mindestens 100 Filme im Jahr anschauen. Um das möglich zu machen, besteht eine Kooperation mit dem Kino Arsenal am Potsdamer Platz. Hier gibt es eine günstige Jahreskarte für die angehenden Filmwissenschaftler. Attraktiv ist auch die Reihe „365 Filme an 365 Tagen“, in der das Kino jeden Tag einen anderen Film zeigt. Wer Filmemacher werden möchte, ist falsch bei den Wissenschaftlern. Das filmische Handwerk für die Praxis wird an Filmhochschulen und nicht an der FU gelehrt.

Gertrud Koch ist etwas weniger zurückhaltend bei der Bewertung von Filmen als ihr Kollege Kappelhoff. „Nur sind wir in der Pflicht, viel ausführlicher zu begründen und unsere Kriterien offen zu legen“, sagt sie. Filme kann man in ihren eigenen Zusammenhängen bewerten – innerhalb eines Genres oder innerhalb des Werkes eines Regisseurs. Ein aktuelles Beispiel ist das zweiteilige Gewalt-Epos Kill Bill von Quentin Tarantino. Bei dem haben zahlreiche Kritiker geschrieben, Tarantino würde sich wiederholen und sei nicht mehr so originell wie früher. Das findet Gertrud Koch ungerecht: „Bei solcher Kritik ist der Maßstab Originalität. Man erwartet, dass Regisseure sich ständig selbst übertrumpfen. Bei einem Maler würde man das nicht erwarten – ein Rembrandt ist nicht origineller als ein anderer Rembrandt.“

Gertrud Koch leitet zwei filmwissenschaftliche Projekte in zwei verschiedenen Sonderforschungsbereichen. Das eine Projekt befasst sich mit den Aufführungsorten – also den Kinos. „Im Mittelpunkt stand die Frage: Wie verhalten sich die realen, gebauten Räume des Kinos und die fiktiven Räume des Films zueinander?“, erklärt Koch. Dazu stellen Koch und ihr Team theoretische Überlegungen an und interviewen Kinogänger. Eine Tendenz zeichnet sich schon jetzt ab: Es kommt bei der Wahrnehmung eines Films nicht so sehr auf die Art des Kinos an, sondern vielmehr auf die Trennung von öffentlichem und privatem Raum. Nicht der Unterschied zwischen großem Multiplex- und kleinem Off-Kino ist wichtig, sondern die Frage, ob es einen Unterschied zwischen der Erlebniswelt Kino und dem Fernseher zu Hause gibt. Kochs These: „Die Faszination des Filmischen setzt sich in den verschiedenen Medien durch. Auch auf DVD lässt sich ein Film mit Spannung verfolgen.“

Beide, Gertrud Koch und Hermann Kappelhoff, haben keinen absoluten Lieblingsfilm. Sie sind fasziniert vom Film an sich. Diesen akademischen Gestus kann sich die Berlinale-Jury nicht leisten. Sie muss bis zum 20. Februar entscheiden.

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