Zeitung Heute : Bildhauerei: Maritime Holzhacker

Annette Kögel

Die Admiralität hatte die Rechnung ohne das Fußvolk gemacht. Weg mit den Figuren am Bug! Machen das Schiff nur langsam und hindern beim Kampf. Doch bald mussten die Kapitäne alleine an Bord gehen. Denn nachdem der Entschluss gefallen war, sich von Galionsfiguren zu verabschieden, heuerte niemand mehr an.

"Lebende Engel waren das damals für die Matrosen", sagt Peter Kuhl. Heute schnitzt der 58-jährige Hobby-Bildhauer, was das Werkzeug hält: Der Wuppertaler fertigt Galionsfiguren für den Hausgebrauch - von der zentimeterkleinen Seenixe für den Kamin bis zum Einmetersiebzig-Standbild für die Yacht. Gemeinsam mit anderen Rentnern trifft sich Kuhl regelmäßig in der Werkstatt von Johannes König, dem 64-jährigen künstlerischen Leiter der ungewöhnlichen Bildhauergruppe und erweckt den alten Brauch zu neuem Leben.

Wie die Wuppertaler Herrenriege, die zuletzt an einem Stand auf der Bootsmesse in Düsseldorf ihr Können zeigte, zum Hack-Hobby kam? "Einer unserer Mitglieder hat einmal die Galionsfigur eines Restaurantschiffes in Bremerhaven fotografiert und nachgebildet - da kamen wir auf den Geschmack." Workshopleiter Johannes König arbeitete jahrzehntelang als Theaterplastiker an Wuppertaler Bühnen. Und wie kommt ein früherer Kaufmann im Außendienst beim Lebensmittelgroßhandel wie Peter Kuhl zum Galionsfiguren-Schnitzen? "Vor etlichen Jahren war ich mal auf Kur in Bad Sassendorf. Da habe ich zwei alte Stämme bearbeitet und aus einem einen Indianer gemacht. Der stand nicht lange. Wurde geklaut und steht seitdem bestimmt irgendwo in einem Partykeller." Dann schuf der Zen-Buddhist Kuhl ein Jahr lang Buddhas aus Holz, einer davon steht sogar im lokalen Völkerkundemuseum.

Insgesamt verfügen die Seniorenschnitzer über ein Repertoire von etwa 25 Figuren, erzählt Johannes König am Telefon, während die Herren im Hintergrund heftig hauen. "Doch die Leute kommen auf Ideen, jeder möchte etwas ganz Individuelles haben." Erst kürzlich orderte ein Segler eine kleine Seejungfrau für die Ruderpinne, 650 Mark hat ihn der Spaß gekostet. Den weiblichen Glücksbringer beließ der Künstler im Unruhestand dann in Naturholz und bemalte ihn nicht - "so wirken die Formen am besten". Lindenholz eignet sich zum Bearbeiten. "Aber das springt einem leicht weg." Besser sei Buche, "die bleibt stehen". Den Werkstoff besorgt Chef-Bildhauer König bei Schreinereien oder im Baumarkt.

Und dann beginnt dieses adrenalinanregende Spiel jedes Mal aufs Neue. Peter Kuhl: "Am Anfang kann man noch mit der Kettensäge ran." Dann arbeitet man sich weiter vor, Woche für Woche. "Ich schäle alles raus, Stück für Stück, wie bei einer Zwiebel." Und dann steigt die Spannung. "In dem Moment, wo sich das Wesen herausbildet, und Sie sehen, es hat mal wieder hingehauen, beruhigen sich die Nerven wieder." Da könne man tausendmal die gleiche Figur schaffen, und das Gefühl sei doch immer wieder schön.

Der 58-jährige Youngster der Galionsfiguren-Enthusiasten hängt sogar dermaßen an seinen Geschöpfen, dass er sie bis an die Schiffs-Front begleitet. Gerade hat ein Münchner eine "Momo"-Figur nach Foto in Auftrag gegeben, der habe gesagt, Kuhl könne das fertige Stück dann mit der Post schicken. "Aber das wäre für mich, als ob ich ein Kind in einen Karton packen würde."

Nun sei es aber nicht so, dass die Kasse bei den Hobby-Holzwerkern übermäßig klingele, sagt der 64-jährige Kursleiter. Es seien erst wenige Großfiguren zum Preis von mehreren tausend Mark in Auftrag gegeben worden, und allein wegen der Werkstoffe, der Atelier-Miete und der monatelangen Arbeitszeit häufen die Herren nur Späne, keine Scheine. Mal ruft eine Arbeitskollegentruppe an, die dem wassersportbegeisterten Chef zum Geburtstag eine kleine Nixe schenken möchte, mal möchte jemand ein zwanzig, dreißig Zentimeter kleines Seepferdchen für die Kajüte. Die größte mythologische Figur im Katalog, "Mneme", ist 1.70-Meter groß und kostet fast 10 000 Mark. Unterdessen halten die rüstigen Holzbildhauer Hammer und Meißel nicht still. Denn ohne sein Hobby würde Peter Kuhl "rumhängen wie Falschgeld". Der 58-Jährige hat schon ein neues Motiv vor Augen. Die - allerdings weniger schiffskompatible - Idee kam ihm nach einem Treffen mit einem Indianer aus British Columbia: "Totempfähle."

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar