Zeitung Heute : Bildung ist das ganze Leben

Der Clash der Generationen kann nur vermieden werden, wenn Lernen erste Bürgerpflicht wird. Die Universität bereitet sich darauf vor

Dieter Lenzen

Noch ist es ruhig. Die Auseinandersetzungen über die Gestaltung unseres Landes in den nächsten zwanzig bis dreißig Jahren beschränkt sich auf den politischen Raum, auf Talkshows. Der Alltag ist noch nicht erfasst von dem Thema, das uns alle in spätestens zehn Jahren beherrschen wird: Wie sichern wir die Zukunft unseres Landes angesichts der gigantischen demographischen Krise? Die Betroffenen sind noch gar nicht geboren. Diejenigen, die in den nächsten zehn Jahren zur Welt kommen, die jetzt gerade den Kindergarten besuchen, werden es nämlich sein, die die Zeche für die Verprassung öffentlicher Mittel seit den Siebzigerjahren, für eine Politik der geschlossenen Augen, für die hemmungslose Schuldenaufnahme der öffentlichen Hand bezahlen müssen.

Das einzig Tröstliche daran ist die Tatsache, dass deren Zahl gering ist. Das ist aber auch gleichzeitig das Problem: Die Nettoreproduktionsrate wird bis 2020 so gering bleiben, dass auf 1000 Frauen nur 1400 Geburten kommen. In rund zwanzig Jahren wird der Anteil der 0- bis 19-Jährigen um 18 Prozent sinken, der der 20- bis 34-Jährigen um 12,4 Prozent. 47 Prozent der Bevölkerung werden über 50 Jahre alt sein. Gleichzeitig steigt die Lebenserwartung und damit der Versorgungsbedarf der Menschen unaufhaltsam. Bis 2020 wird sie um weitere 2,5 Lebensjahre gestiegen sein auf 82,2 Jahre bei Männern und auf 86,1 Jahre bei Frauen. Gleichzeitig sinkt die Wohnbevölkerung jährlich um mehr als 400 000 Einwohner.

Die Folgen dieser dramatischen Entwicklung können gegenwärtig nur erahnt, nicht aber so präzise prognostiziert werden wie die demographische Entwicklung. Diese Folgen sind bisher politisch nur im Hinblick auf das Gesundheitssystem und die Rentenproblematik diskutiert worden. Die Vorschläge einschlägiger Kommissionen konzentrieren sich bisher auf Rentenformeln, Gesundheitsleistungen und Listen erstattungsfähiger Medikamente. Tatsächlich ist der demographische Angriff auf unser Gemeinwesen aber auch eine Herausforderung für Wissenschaft und Bildung.

Exzellenz in die Schulen

Dabei sind die Geistes- und Sozialwissenschaften in doppelter Weise gefordert: So benötigen wir einerseits das prognostische Wissen der Sozialwissenschaften, um die äußerst komplexen Zusammenhänge zwischen den zahlenmäßigen Entwicklungen und politischen Handlungsoptionen zur Verfügung zu stellen. Soziologen, Politologen und Erziehungswissenschaftler tun dieses im Hinblick auf die demographische Entwicklung spätestens seit den Achtzigerjahren, ohne dass ihre Warnungen im politischen Raum gehört worden wären. Der Bedarf an politischer Umsteuerung ist durch 25-jähriges Warten rasant gestiegen.

An der Freien Universität sind zahlreiche Studien erstellt worden, die die Bedeutung des Alterungsprozesses unserer Gesellschaft in allen Facetten verarbeitet haben. Bedauerlicherweise ist die brisante Mischung aus den sozialen Entwicklungen im politischen Raum nicht zur Kenntnis genommen worden. Die Brisanz ist nicht Folge einer Naturkatastrophe, sondern gezielten politischen Handelns beziehungsweise von Unterlassungen: So ist bis heute Bevölkerungspolitik, im Sinne eines Anreizes für die Bürger, Kinder zu haben, verpönt. Familienpolitik hat ihren Blick allenfalls darauf gerichtet, die Berufstätigkeit von Frauen zu erleichtern, nicht jedoch die schwerwiegenden Benachteiligungen von Familien mit Kindern (Großziehen und Ausbildung eines Kindes kosten ein Elternpaar 450 000 Euro) auszugleichen.

Bildungspolitik folgt seit Willy Brandts Forderung, mehr Demokratie zu wagen, dem berechtigte Anliegen, Deutschland dürfe nie wieder ein totaler Erziehungsstaat werden. Dagegen wurde aber die ebenso bedeutsame Einsicht ausgespielt, dass ohne Leistung, Anstrengung und Exzellenz in Schulen und Hochschulen die Zukunft weder des Einzelnen noch der Gesellschaft gesichert werden können. Timms, Pisa und Iglu beschreiben nur einen kleinen Ausschnitt dieses Desasters. Wenn ähnliche Untersuchungen mit Lehrlingen, Studierenden und Berufstätigen gemacht werden würden, versänke die Republik in tiefe Depression.

Es wird sichtbar: Neben dem Bedarf an prognostischen und strategischen sozialwissenschaftlichem Wissen erscheint eine weitere Dimension. Eine Universität muss Reflexionsformen für die Frage bereithalten, welches Selbstverständnis vom Leben die Menschen künftig (noch) werden entwickeln können. Das Verhältnis von Ansprüchen und Pflichten ist neu auszurichten. Der Frage nach Gerechtigkeit und Gleichheit wird diejenige hinzugefügt werden müssen, ob es überhaupt noch eine materielle Basis für überschiessende soziale Erwartungen gibt.

In Deutschland hat sich die Vorstellung breit gemacht, die Gleichheitsforderung unserer Verfassung beschränke sich nicht auf eine Gleichheit vor dem Gesetz, sondern umschließe materielle Gleichheit für alle Bürger. Dieses Missverständnis ist sehr teuer geworden. Die Politik zurückliegender Jahrzehnte hat sich nämlich darauf konzentriert, materielle Ungleichheit durch Nettozahlungen an Schlechtergestellte auszugleichen. Solange sich die dafür zur Verfügung stehende Summe durch wirtschaftliches Wachstum und durch Steigerung der Zahl der Steuerzahler erhöht, ist eine solche Politik tolerierbar. Wenn indessen die Summe der zahlungskräftigen Erwerbstätigen sinkt, weil die Geburtenraten abnehmen und das Qualifikationsniveau der Erwerbstätigen sich verschlechtert, dann gerät Politik in eine paradoxe Situation: Sie soll Sozialleistungen bei sinkenden Steuereinnahmen steigern. Eine vorausschauende Politik hätte vor 30 Jahren damit beginnen müssen, den Bevölkerungsrückgang auszugleichen und das Qualifikationsniveau von Berufsanfängern und Erwerbstätigen so zu erhöhen, dass deren gesteigerte Arbeitsleistung die Wirtschaftskraft des Standortes Deutschland durch erhöhte Innovationsfähigkeit für Industrieprodukte kompensiert hätte.

Dieses wäre die Aufgabe der Bildungspolitik gewesen. Sie hätte darin bestehen müssen, den Anteil der Bildungsausgaben vom Bruttoinlandsprodukt über das durchschnittliche Niveau der Länder zu bringen, die keinen Bevölkerungsrückgang verzeichnen. Sie hätte darin bestehen müssen, das Qualifikationsniveau über den OECD-Durchschnitt zu erheben, statt weit unter dem Durchschnitt zu bleiben. Sie hätte darin bestehen müssen, den Anteil einer wissenschaftlich gebildeten Elite an einem Altersjahrgang wesentlich über 25 Prozent zu steigern. Sie hätte darin bestehen müssen, den Anteil nicht berufsbildungsfähiger Jugendlicher am unteren Leistungsrand von 20 auf fünf Prozent zu reduzieren. Sie hätte darin bestehen müssen, ein Klima der Leistungsfreude und der Wettbewerbsbereitschaft an die Stelle von Anspruchsdenken und Leistungsverweigerung zu stellen. Sie hätte darin bestehen müssen, Bildung als einen lebenslangen Prozess nicht nur zu deklarieren, sondern auch die entsprechenden institutionellen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass jeder Bürger seine Pflicht wahrnimmt, sich regelmäßig weiterzubilden.

Gibt es noch eine Möglichkeit, das Versäumte nachzuholen und die Schussfahrt ins Generationendesaster durch eine gezielte Bildungspolitik umzusteuern? Die Antwort heißt: Es gibt gar keine Alternative, wenngleich es für kurzfristige Veränderungen zu spät ist.

Wir dürfen nicht vergessen: Allein die Qualitätsmängel im Bildungsstand der 15-Jährigen wurden durch eine entschieden zu späte Einschulung und durch das Ausbleiben rechtzeitiger Spracherziehung (insbesondere auch bei Immigranten) sowie durch eine unzulängliche mathematisch-naturwissenschaftliche Basisausbildung verursacht. Selbst wenn man im Jahr 2004 alle Vierjährigen, wie bei manchen Pisa-Siegern, einer gezielten leistungsorientierten Bildung unterzöge, die noch dazu bis zum Schulabschluss anhielte, wären Effekte erst in zwölf bis 15 Jahren spürbar. Dafür fehlt es aber an geeignetem pädagogischem Personal, an Lehrmitteln und vor allem an dem Bewusstsein, dass die Überlebensfähigkeit unserer Gesellschaft schlicht von dem überdurchschnittlichen Einsatz der nachwachsenden Generation abhängen wird.

Für diese Neuorientierung sind erhebliche Investitionen, Willenskraft und Anstrengungen erforderlich. Sie sind nur zu erbringen, wenn gleichzeitig an anderer Stelle Verzicht geübt wird. Das bedeutet, dass die Gerechtigkeitsfrage heute nicht als Querschnittsgerechtigkeit kurzgeschlossen werden darf (herrscht zum gleichen Zeitpunkt Gerechtigkeit zwischen den gleichzeitig Lebenden?), sondern als Längsschnittgerechtigkeit, als intergenerationelle Gerechtigkeit gesehen werden muss. Denn: 2020 wird ein Erwerbstätiger sich selbst und vier weitere ernähren müssen, die dazu aufgrund ihres Alters noch nicht oder nicht mehr in der Lage sind. Es ist nicht zu erwarten, dass der Einzelne dazu im Jahre 2025 in der Lage sein wird.

Schaden abwenden

Der gigantischen Bildungsanstrengung für die nachwachsende Generation muss deshalb eine noch größere Weiterbildungsanstrengung der älteren Generation hinzugefügt werden, die im Jahre 2015 bis 2030 bis zum 70. Lebensjahr und vielleicht sogar länger mitarbeiten müssen. Das kann sie nur auf dem dann erreichten Stand von Technik und Wissenschaft tun. Folglich werden die Universitäten in wenigen Jahren breite Weiterbildungsangebote entwickeln müssen. Niemand hat bisher die Frage beantwortet, wer das bezahlen soll. Es wird kein Weg daran vorbeigehen, dass die jetzige Erwachsenengeneration dieses als Beitrag zur Generationengerechtigkeit tun muss, und zwar nicht aus Steuergeldern, sondern höchst individuell. Um eine gesetzliche Regelung einer Weiterbildungspflicht führt kein Weg vorbei.

Es sieht gegenwärtig nicht so aus, als ob nennenswerte Teile der politischen Klasse begriffen hätten, dass die heutige Bildungspolitik Sozialpolitik für die Zukunft ist. Materielle Schlechterstellung von Eltern, Gebühren für Bildungseinrichtungen, zu späte Einschulung, zu lange Ausbildung, fehlende Dienstleistungsorientierung im Bildungssystem und der fehlende Mut, Bildungsinvestitionen gegen die Ansprüche großer Einzeletats wie Verkehr und Soziales durchzusetzen, sind keine Zeichen, die Hoffnung machen. In den Sechzigerjahren konstatierte Georg Picht einen Bildungsnotstand in der damaligen Bundesrepublik, worauf eine Expansion im Bildungssektor erfolgte, allerdings mit unzureichenden Mitteln und – historisch verständlich – kurzsichtigen Zielen. Heute muss von einer Bildungskatastrophe gesprochen werden. Bildung ist das Zukunftsthema schlechthin. Politiker, die das nicht begriffen haben und entsprechend handeln, verletzen ihren Amtseid, mit dem sie gelobt haben, vom deutschen Volke „Schaden abzuwenden“ und zu seinem Wohle zu handeln.

Der Autor ist Erziehungswissenschaftler und Präsident der Freien Universität Berlin.

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