BILDUNGSNOTSTAND 1963 : Mikätzchen und Mikater

Schon einmal, vor einem halben Jahrhundert, wurde in Deutschland das Sprichwort „Not macht erfinderisch“ im Erziehungs- und Bildungsbereich eigenwillig, aber wirkungsvoll gedeutet. Mitte der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts drängte die Generation der sogenannten Babyboomer an die Grundschulen. Überall fehlten Lehrer. Vor allem im bevölkerungsreichen Nordrhein-Westfalen erforderten die überfüllten Schulklassen schnelles Handeln. Da kam der 37-jährige Kultusminister Paul Mikat (CDU) auf die Idee, verheiratete Frauen, die „von den Aufgaben in der Familie nicht mehr voll in Anspruch genommen werden“, und andere Interessierte in einjährigen Kurzlehrgängen zu Aushilfslehrerinnen und -lehrern auszubilden. In den Interessenvertretungen der Volksschulpädagogen gab es gegen eine vermeintliche Bevorzugung minderqualifizierter Lehrkräfte zwar Proteste, aber der Gedanke Mikats wurde umgesetzt. 1910 Frauen und 434 Männer begannen am 1. Januar 1963 mit der Ausbildung und unterrichteten ab Januar 1964 an den Schulen links und rechts von Rhein und Ruhr. Mikätzchen und Mikater nannte man sie nach dem Minister, dessen Plan erfolgreich den Bildungsnotstand bekämpfen half. Nach zwei Jahren hatten sie die Option auf ein verkürztes Lehrerstudium, um endgültig in den Schuldienst übernommen zu werden. 1200 machten davon Gebrauch. Paul Mikat starb, 86-jährig, 2011.apz

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