Bildungspolitik : Schuld und Schule

Drei Jahre nach dem Rütli-Schock will man hierzulande viele auf den Mond schicken, die in der Politik mit Bildung zu tun haben. Den Bürgermeister von Mitte, Christian Hanke, zum Beispiel, der den neuerlichen Alarmbrief der Schulleiter einen Monat unbeantwortet ließ, um sich dann in wohlfeile Forderungen zu flüchten.

Ein Kommentar von Lorenz Maroldt

Der junge Lehrer heißt François und hat es mit einer typischen Problemklasse zu tun: vierzehnjährige Schüler aus aller arabischen Welt, die in einem armen Großstadtviertel kauderwelschend aufeinanderprallen, unwillig, aggressiv. François ist unerschütterlich besten Willens, er kämpft, fordert, fördert; es geht ihm um Respekt und Toleranz, um Identität und Integration, um Gerechtigkeit und Chancengleicheit, und: Er gewinnt; alle gewinnen, wenn auch nur ein bisschen Hoffnung.

Der Film zum Text heißt „Die Klasse“, wurde in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet und kommt morgen in die Kinos. Die Wirklichkeit ist eine Parallelgeschichte und geht an den meisten Tagen anders aus: im 20. Arrondissement von Paris, wo der Film spielt; in Berlin-Mitte, wo sämtliche Schulleiter in einem dramatischen Appell um Hilfe bitten; in London, wo East End oft die Endstation aller Hoffnung bedeutet.

Die britische Regierung hat in dieser Woche ein Programm für soziale Chancengleichheit vorgestellt, das der „Guardian“ als Labours beste Idee seit elf Jahren feiert. Jedes öffentliche Handeln soll daran ausgerichtet sein, die Klassenunterschiede zu überwinden. Im Mittelpunkt steht die Bildung, vom Kleinkindalter bis zur Hochschulabschlussreife. Das Programm wird viel kosten, auch für originelle Ideen. So sollen gute Lehrer, die sich für drei Jahre an einer der 500 schlimmsten Schulen verpflichten, zehntausend Pfund extra bekommen.

Mit guten Lehrern als Basis guter Bildung beschäftigte sich dieser Tage auch der Pulitzer-Preisträger Thomas L. Friedman in der „New York Times“. Er schlägt Steuererleichterungen und Gehaltserhöhungen vor. Kennedy, schreibt Friedman, brachte die Amerikaner auf den Mond; Obama möge sie zurück an die Schule schicken.

Auf den Mond schicken möchte man dagegen hierzulande viele, die politisch mit Bildung zu tun haben. Zum Beispiel den Bürgermeister von Mitte, Christian Hanke, Studienrat, stellvertretender Vorsitzender der Berliner SPD, Ehrensenator des Berliner Karnevalsvereins. Den Alarmbrief der Schulleiter ließ er einen Monat unbeantwortet. Dann flüchtete er sich in wohlfeile Forderungen: mehr Lehrer, Hausmeister, Sekretärinnen, mehr Geld für die erbarmungswürdig heruntergewirtschafteten Schulhäuser. Dabei ist Hankes eigenes Bezirksamt der kafkaeske Ort des Schreckens, an dem die Schulen verloren sind. Jedes Jahr werden hier Millionen, die der Senat für Investitionen bereitstellt, anderen Zwecken zugeführt als der Sanierung. Der Rest geht unter in lähmendem Kompetenzstreit.

Richtig unterirdisch aber ist Hankes Vorschlag, wie der Absturz gestoppt werden soll: Der Funktionär will privaten Schulen die Zulassung erschweren und „sozialkompensatorische Quoten“ verpassen. Anstatt also die staatlichen Schulen attraktiver zu gestalten, wird lieber die Konkurrenz ausgeschaltet – und die Schuld für das Bildungsdesaster auf jene Eltern abgewälzt, die aus Sorge um die Chancen ihrer Kinder handeln.

Drei Jahre nach dem Rütli-Schock – was ist anders? Vor der Grundschule gibt es Pflichtsprachkurse; aus Grundschulen wurden Ganztagsschulen; Hauptschulen, Realschulen und Gesamtschulen werden zusammengeführt. Alles richtig. Aber die Probleme wachsen schneller, als die Lösungen wirken. Die Bildungspolitik verzettelt sich zwischen dem Recht auf einen Hauptschulabschluss und dem Turbo-Abitur.

François kann es alleine nicht schaffen.

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