Zeitung Heute : Bimmel-Bahn: Live aus dem ICE

Olaf Krohn

"Hallo, Frau Lehmann, können Sie mich verstehen? ... Nein? ... Wir scheinen gerade durch ein Funkloch zu fahren, ich spreche einfach etwas lauter." Von diesem Moment an genießen alle Fahrgäste im ICE-Großraumwagen das Privileg, den Mann im dunklen Business-Anzug auf seinem Fensterplatz belauschen zu dürfen. "Nein, Frau Lehmann ... es gibt nichts Besonderes, alles wie besprochen ... wir sind gerade zwischen Hannover und Göttingen ... ZWISCHEN HANNOVER UND GÖTTINGEN! ... Ich komme um Punkt elf in Frankfurt an, das hatte ich Ihnen ja aufgeschrieben ... WIE BITTE? ... Es rauscht gerade sehr stark ... Aha ... Wir sehen uns dann im Büro ... Aber keine Sorge, ich melde mich vorher noch mal per Handy... Bis dahin, wiederhören ... !" Unerträgliches Schweigen hallt durch den Wagen. Der Mann im Business-Anzug lehnt sich ins Polster zurück, nicht ohne sein Handy kampfbereit vor sich auf dem Tisch zu deponieren.

Den nächsten akustischen Auftritt hat die junge Frau auf Platz 43, sieht nach Werbebranche oder Casting-Agentur aus. Ihr schrillendes Handy alarmiert ein Dutzend andere Passagiere, nur sie selbst nicht. Zehn Mal orgelt der erste Takt der Marseillaise durch den Zug, bis sich die Besitzerin angesprochen fühlt und das lärmende Ding aus ihrer Handtasche geborgen hat. "Hallo", haucht sie hinein, aber die weiteren Gesprächsfetzen gehen (leider) im Tröten eines Mobiltelefons auf der anderen Seite des Ganges unter. Als Gott den Menschen erschuf, rüstete er ihn mit Augenlidern aus, um ihn vor den optischen Zumutungen der Welt zu bewahren. Augen zu und durch ...

Handys aber gab es zu Adam und Evas Zeiten noch nicht, so dass die schöpferische Konstruktion von Ohrenlidern bedauerlicherweise unterblieb. Jetzt haben wir den Salat: Sitzen arg- und schutzlos im ICE und können nicht anders, als sinnfreie Dialoge mit Frau Lehmann, Müller, Meier, Schulze mitzuhören.

Der Mann im Business-Anzug hat inzwischen erneut Kontakt mit seiner Sekretärin aufgenommen.

" ... wir fahren gleich in Kassel ein, Frau Lehmann ... Alles bestens, wie gesagt ... HALLO! ... HALLO! ... Das war gerade ein Tunnel, jetzt ist die Verbindung wieder besser. Ich melde mich wieder!" Es klingt wie eine Drohung an die übrigen Fahrgäste. Der Mann wäre der ideale Kunde für eine Erfindung, die trotz aller Innovationen in der Handy-Branche noch immer auf sich warten lässt: die mobile Telefonzelle, die sich vor dem ersten Handy-Klingeln aufbläst wie ein Airbag und Halter samt Handy in Sekundenbruchteilen pneumatisch in akustische Quarantäne befördert. Sähe vermutlich auch sehr lustig aus. Aber dafür interessieren sich die Telekommunikationskonzerne offenbar nicht weiter. Unlängst haben sie hundert Milliarden für neue Mobilfunkfrequenzen auf den Tisch geblättert. 100000000000 Mark! Oder umgerechnet 1250 Mark pro Bundesbürger. Es gibt also anscheinend noch einen riesigen Gesprächsbedarf. Nicht nur Frau Lehmann kann einem jetzt schon Leid tun ...

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar