Zeitung Heute : „Bin kein Freund der Biotonne“

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Professor Henning Rüden ist Direktor der Institute für Hygiene und Umweltmedizin und des Zentralbereichs Krankenhaushygiene und InfektionsPrävention der Freien und der Humboldt-Universität. Wir wollten von ihm wissen, welche Infektionsgefahren in unserem Alltag lauern.

Herr Professor Rüden, wie schützt sich ein Infektionsforscher vor Infektionen?

Händewaschen, Händewaschen und noch mal Händewaschen: vor und nach den Mahlzeiten und natürlich nach jedem Toilettengang. Zu Hause reicht Wasser und Seife. In der Klinik dagegen unverzichtbar ist die Hände-Desinfektion. Eine gute Händehygiene schützt vor allem vor bakteriellen Schmierinfektionen etwa durch Staphylokokken oder Salmonellen. Bei Schnupfenviren hilft allerdings nur Abstand halten, mindestens einen Meter.

Die amerikanische Forscherin Margaret Ryan hat in einer aktuellen Studie herausgefunden, dass Händewaschen auch vor Erkältungen bewahrt. Der Krankheitsstand unter den untersuchten Marine-Soldaten sank um beeindruckende 45 Prozent.

Ich habe die Studie gelesen. Die Schlussfolgerung, dass Händewaschen vor Erkältungskrankheiten schützt, ist nicht haltbar. Die 45-prozentige Verringerung der Krankheitsrate scheint hier eher auf einen einmaligen Epidemieausbruch auf der Marinestation im Jahr 96 zurückzugehen.

Zurück zum Haushalt: Wo muss ich mit gefährlichen Keimen rechnen?

Etwa beim Auftauen von Geflügel. Sie können davon ausgehen, dass sich im Tauwasser stets Salmonellen befinden. Es sollte also umgehend entsorgt werden. Anschließend wischt man die kontaminierten Flächen mit einem Lappen ab, der mit viel heißem Wasser gespült wird und reibt noch mit einem Tuch trocken. Bei Reinigungsmitteln sollte man immer auf Umweltfreundlichkeit achten. Bewährt hat sich Essigreiniger. Desinfektionsmittel haben im Haushalt dagegen nichts zu suchen.

Auch nicht auf der Toilette?

Es ist bisher kein Fall bekannt, bei dem sich jemand auf seiner Toilette oder am Badewannenrand infiziert hat. Stattdessen eliminieren Desinfektionsmittel die normale Bakterienflora, die verhindert, dass sich schädliche Krankheitskeime ungehindert ausbreiten können.

Welche Gefahrenquellen sieht der Hygieniker noch?

Ich bin kein Freund der Biotonne. Besonders in Single-Haushalten gärt ihr Inhalt oft zu lange vor sich hin. Stark immungeschwächte Menschen können sich beim Öffnen der Tonne mit Aspergillen infizieren und dadurch eine Lungenentzündung erwerben.

Sprechen wir über Prophylaxe. Was kann ich noch tun, außer mir regelmäßig die Hände zu waschen?

Den besten Schutz bieten Impfungen. Menschen über 60 Jahre sollten die jährliche Grippeimpfung ebenso wenig versäumen wie das Krankenhauspersonal, das sich um Intensiv-Patienten kümmert. Kinder profitieren besonders vom umfassenden Impfschutz gegen Tetanus, Masern, Mumps, Röteln, Diphtherie, Keuchhusten, Kinderlähmung. Denn nur so lassen sich die mit einiger Wahrscheinlichkeit auftretenden neurologischen Spätfolgen vermeiden. Inzwischen hat die STIKO, die ständige Impfkommission, auch Hepatitis B in die Impfempfehlung aufgenommen.

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