Zeitung Heute : Bin Ladens grausamster Schüler

Der Jordanier al Zarqawi soll die Anschläge im Irak organisiert haben

Frank Jansen

Es ist die übliche Methode. Der Selbstmordattentäter kommt in einem Kleintransporter, bepackt mit 500 Kilogramm Sprengstoff. Das Fahrzeug nähert sich dem Sitz des US–Zivilverwalters Paul Bremer. Vor einem Tor warten Iraker, zumeist Bremers Personal, auf Einlass. Da zündet der Fahrer die Sprengladung, und eine gewaltige Detonation reißt etwa 30 Iraker und zwei Amerikaner in den Tod. Mehr als 100 Menschen liegen verletzt auf der mit Trümmern und brennenden Autos übersäten Straße. Bilder vom vergangenen Sonntag, der Schauplatz ist Bagdad, wie so oft. Auch diesmal erkennen Sicherheitsexperten die Handschrift der Terrorprofis von Al Qaida und ihres fanatischen Anhangs. Im Irak werden sie offenbar von einem Mann geführt, der sich zu einem neuen Terrorpaten neben Osama bin Laden emporbombt: Abu Mussab al Zarqawi, Jordanier mit palästinensischen Wurzeln und einem tödlichem Hass auf die USA, auf Israel und Juden.

Von dem 37 Jahre alten Mann, der bei amerikanischen Angriffen ein Bein verloren haben soll, sind nur wenige Fotos im Umlauf. Am bekanntesten ist das Bild, auf dem er unter seiner Wollmütze düster in die Kamera schaut. Sicherheitsexperten schreiben Zarqawi viele Attentate und Anschlagsversuche zu, nicht nur im Irak. Die Amerikaner haben fünf Millionen Dollar auf seinen Kopf ausgesetzt, Generalbundesanwalt Kay Nehm ermittelt gegen Zarqawi wegen „Rädelsführerschaft in einer terroristischen Vereinigung“. Der Brüsseler Think Tank „European Strategic Intelligence and Security Center“ nennt ihn sogar einen der künftigen „Anführer der internationalen Dschihadisten-Bewegung“, der Vereinigung islamistischer Gotteskrieger – und potenziellen „Ersatz der Symbolfigur Osama bin Laden“.

Schon vor der Terrorkampagne im Irak geht Zarqawi über Leichen. Die kriminelle Energie zeigt sich bereits beim ersten Versuch: Zarqawi rekrutiert 1999 als Militärchef der mit Al Qaida verbündeten Bewegung „Al Tawhid“ 22 Attentäter, die zum Jahrtausendwechsel in Jordanien US-Touristen sowie Grenzübergänge nach Israel ins Visier nehmen sollen. Doch die Gruppe fliegt auf, ein jordanisches Gericht verurteilt Zarqawi in Abwesenheit zu 15 Jahren Haft. Im März 2002 zündet ein Kommando eine Bombe unter dem Wagen des Chefs der jordanischen Antiterroreinheit. Dieser bleibt unverletzt, zwei Passanten sterben. Ende Oktober 2002 erschießen Terroristen in Amman den US-Diplomaten Lawrence Foley. Zarqawi hat den Mord mit 18 000 Dollar finanziert.

Nach dem Willen des Jordaniers soll der Terror auch nach Deutschland exportiert werden. Im Spätsommer 2001 bildet sich im Ruhrgebiet eine Al-Tawhid-Zelle. Geplant sind Anschläge auf zwei von Juden besuchte Lokale in Düsseldorf, in Berlin soll das jüdische Gemeindezentrum in der Fasanenstraße oder das Jüdische Museum in Kreuzberg attackiert werden. Mit Handgranaten, im Al-Tawhid-Code „Äpfel“ genannt. Doch im April 2002 hebt das Bundeskriminalamt die Gruppe aus. Ein Mitglied, der Jordanier Shadi A., zeigt Reue. Er belastet Komplizen und Zarqawi. Dieser habe gedrängt, „die Arbeit in Deutschland“ zu erledigen. Das Düsseldorfer Oberlandesgericht verurteilt Shadi A. im vergangenen November zu vier Jahren Haft. Die anderen Al-Tawhid-Terroristen warten noch auf ihren Prozess.

Im Rückblick wirken die Aktionen in Jordanien und Deutschland allerdings „nur“ wie ein Vorspiel zum viel blutigeren Auftritt des Abu Mussab al Zarqawi im Irak. Noch während der Kämpfe zwischen Saddams Armee und den Invasoren kommen Islamisten ins Land. Und die von Amerikanern und Kurden aus dem Nordirak nach Iran verdrängte Terrorgruppe Ansar al Islam kehrt im Sommer zurück – nach Bagdad. Zarqawi ist bei Ansar die dominierende Figur. Wahrscheinlich hat er im Irak dann den ersten großen Anschlag mit einer Autobombe dirigiert. Am 7. August explodiert in Bagdad vor der jordanischen Botschaft ein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug. 17 Menschen sterben. Dann geht es Schlag auf Schlag: Das UN-Hauptquartier wird durch eine Detonation erschüttert, dann eine Polizeistation in Bagdad, der Sitz des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz und weitere Ziele, die als Symbole des Westens gelten. „Das sind Anschläge wie aus dem Al-Qaida-Lehrbuch“, sagt der Terrorismusexperte Kai Hirschmann. Der „wahrscheinlichste Hintermann“ sei Zarqawi. Und der türkische Geheimdienst hält ihn für den Drahtzieher der vier schweren Attentate vom November in Istanbul.

Zarqawis Biografie ist nur teilweise bekannt. Geboren wird er am 30. Oktober 1966 als Ahmad Fadil al Khalayleh in Zarqa, der zweitgrößten Stadt Jordaniens. Diese muss später für den Kampfnamen „Abu Mussab al Zarqawi“ herhalten, „Vater Mussab aus Zarqa“. In den 80er Jahren kämpft er, wie tausende Muslime aus aller Welt, in Afghanistan gegen die Sowjets. Ende der 90er Jahre leitet Zarqawi ein Trainingscamp nahe der westafghanischen Stadt Herat – unabhängig von Al Qaida. Der Jordanier ist inzwischen der militärische Führer der Islamistenbewegung Al Tawhid, die sich 1989 unter den in Jordanien lebenden Palästinensern gebildet und dann international ausgeweitet hat. Zarqawi schleust Rekruten über Iran nach Herat und lehrt neben dem üblichen Kriegshandwerk den Umgang mit Giftstoffen. Dann verbündet er sich mit Osama bin Laden und leistet den Treueschwur. Vielleicht nicht ganz freiwillig. „Es könnte eine feindliche Übernahme gewesen sein“, sagt ein Sicherheitsexperte. Jedenfalls gibt Zarqawi nun den Filialleiter des Terrors: Als Führungsmitglied von Al Qaida dirigiert er Al Tawhid und andere Gruppen im Terrornetz, wie Ansar al Islam.

Als die US-Armee nach dem 11. September 2001 in Afghanistan eindringt, wird Zarqawi verletzt. Auf der Flucht gelangt er in den Irak. In einem Bagdader Krankenhaus wird ihm im Sommer 2002 ein Bein amputiert. Den Aufenthalt im Irak bewertet die US-Regierung als Beweis für eine Verbindung Saddams zu Al Qaida. Im Februar 2003 sagt Außenminister Colin Powell im Weltsicherheitsrat, Saddam kooperiere über Zarqawi mit Al Qaida. Was nach Ansicht deutscher Experten bis heute nicht bewiesen ist.

In Sicherheitskreisen sind auch sarkastische Töne zu hören: Ohne den Krieg im Irak hätten Zarqawi und Al Qaida die Warnungen Powells nicht bestätigen, geschweige denn übertreffen können, heißt es. Und Fachleute wie Hirschmann befürchten, dass Zarqawi im Irak gemeinsam mit restlichen Anhängern Saddams eine „Mini-Al-Qaida“ aufzieht. Mit dem Ziel, den siegreichen Kampf der afghanischen Mudschahedin gegen die Rote Armee zu wiederholen. Nach der üblichen Methode: Mit Angriffen gegen„Kollaborateure“ – damals sowjetfreundliche Afghanen, heute die für US-Zivilverwalter Paul Bremer arbeitenden Iraker – und die Besatzungsmacht selbst. Wie vergangenen Sonntag in Bagdad.

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