Zeitung Heute : Bio-Supermärkte: Vom Idealismus des gesunden Kommerzes

Thomas Platt

Im Urlaub begibt sich mancher Reisende noch vor dem Besuch der einschlägigen Sehenswürdigkeiten in einen Supermarkt, um sich dort erst einmal über Konsumgewohnheiten der Menschen zu informieren, bei denen er zu Gast ist. Mannigfaltige Beobachtungen sind da zu machen, und sie beziehen sich nicht allein auf die Ernährungsgewohnheiten oder das Kaufklima, sondern beispielsweise auch auf eine alltägliche Ästhetik, die aus der Gestaltung von Verpackungen und Etiketten spricht. Wer also einen Supermarkt aufsucht, wirft einen Blick auf die Warenseele der Bevölkerung.

Besucht man hingegen einen der jüngst gegründeten Biosupermärkte, entsteht ein irritierendes Bild. Bis auf ein paar Gemüse, denen man ihre ökologische Anbauweise nicht gleich ansieht, scheint hier alles wie aus einem fremden Land, in dem zufällig ebenfalls Deutsch gesprochen wird. Vielleicht hätten so etwa die Märkte eines Deutschland des dritten Weges, das vor elf Jahren zur Diskussion stand, ausgesehen. Jedenfalls ähnelt keine Ware ihrer vergleichbaren kapitalistischen Schwester, und selbst wenn - wie im Fall der Corn-Flakes - der Versuch unternommen wird, genauso selbst bewusst aufzutrumpfen wie eine international erfolgreiche Marke, kommt es zu einem liebenswert linkischen Auftritt, was allerdings den durchaus empfehlenswerten Inhalt der großen Pappschachtel von "Martin Evers Naturkost" für den Nachwuchs wenig attraktiv macht. Obwohl es den hervorragenden Schulkeks von "Allos", dessen Verpackung von Leni Riefenstahl stammen könnte, gibt und sogar extra "Kinderketchup", dürften die Kleinen die größten Widersacher der ökologischen Ernährungsweise sein, denn ihrem Sinn für starkes und eindeutiges Aroma kommen industriell erzeugte Nahrungsmittel mehr entgegen.

Die Botschaft vom besseren Leben

Unter den sachlichen Beleuchtungsverhältnissen eines modernen Supermarktes wie "eo" (eat organic) an der Wilmersdorfer Berliner Straße springt die Kuriosität der Warengestaltungen deutlich ins Auge. Besonders unzeitgemäß wirken die Flaschen, Kartons und Tüten anthroposophisch beeinflusster Hersteller wie etwa Demeter oder Voelkel. Viele Etiketten vertrauen Buntstift und Handschrift mehr als Hochglanzfoto und beweglichen Lettern, um Käufer anzulocken. Doch den kritischen Konsumenten macht das eher misstrauisch, als dass ihn die Illusion des selbst Gebastelten sonderlich beeindrucken würde. Die Produktgestaltung tritt deshalb so bescheiden und unscheinbar auf, weil die Hersteller zu glauben scheinen, dass nur auf diese Weise die inneren Werte zur Geltung kämen. Mitgeliefert wird die Botschaft vom besseren Leben, und manchmal sehnt man sich geradezu nach einer von Heilserwartungen befreiten Naturkost, die so riskant ist wie das übrige Dasein.

Entscheidend für den Erfolg eines Biosupermarktes ist neben der Breite des Angebots eine wesentlich niedrigere Hemmschwelle. Am meisten verschreckt den Normalbürger ja die sektenartige Einkaufssituation im kleinen Naturkostladen. Missmutige Verkäufer und argwöhnische Stammkunden sind für eine schwer erträgliche Atmosphäre verantwortlich, wie sie nur unter gleich Gesinnten entstehen kann. Doch so kompetent und bemüht das Personal bei "eo" auch sein mag, letztendlich geben die Preise den Ausschlag. Naturgemäß erwartet man in den Regalen preisliche Vorteile, und tatsächlich finden sich hier eine Reihe von Klassikern der Branche ein paar Mark günstiger als beim auf Natur- und Reformkost spezialisierten Einzelhandel - allen voran der wohlschmeckende Nuß-Nougat-Aufstrich Samba, der in besseren Haushalten Nutella verdrängt, oder die ausgesuchten Sardinen und Makrelen in Olivenöl von Fontaine. Kulinarisch interessant sind neben der bemerkenswerten holländischen Bio-Pasta von "Terra Sana" hier vor allem Gemüse und Fleisch. Allein zehn Kartoffelsorten stehen zur Auswahl, und die ungeschönten Auberginen und Zucchini, die kleinen festen Blumenkohlköpfe, Kohlrabi und rote Beten erwecken spontan Vertrauen - und schmecken.

Noch greifbarer wirkt der Unterschied beim Fleisch der nach den Demeter-Richtlinien verarbeitenden Metzgerei Feindura, die sowohl bei "eo" als auch bei der "Bio Company" als Shop im Shop untergekommen ist. Nicht nur die Angst vor den aktuellen Seuchen und die Abscheu gegenüber den skandalösen Methoden, die in der industrialisierten Tierzucht gang und gäbe sind, führen dieser Metzgerei beständig neue Käufer zu, sondern allein schon der Genuss versprechende Anblick des Geschlachteten. Zum Beispiel ist das aus dem Ökodorf Brodowin stammende Schweinefleisch kein bisschen wässrig und besitzt einen urigen Kobengeschmack, mit dem man eigentlich gar nicht mehr gerechnet hatte. Wer sich für einen mürben Schinken oder gar für einen der grotesken vegetarischen Aufschnitt-Nachahmungen aus gewürztem Tofu entscheidet, kann an der Brottheke gleich noch das herrliche Leinsamenbrot der Vollkornbäckerei Weichardt als Unterlage erstehen.

Die Butter kommt vom Wasserbüffel

"Naturata" in der Westfälischen Straße ist von seiner räumlichen Ausdehnung her noch kein richtiger Supermarkt, aber vereinzelt sind Preise schon von dort - und vor allem eine ausgesprochen hygienische Präsentation, die an das KaDeWe erinnert. Die Käsetheke ist gut bestückt und führt als Spezialität gehaltvollen Mozzarella, Ricotta, Frischkäse und sogenannte Porzellanbutter aus der Milch einer im Brandenburgischen gehüteten Wasserbüffelherde.

Bei "Bio Company" lässt man im Schnitt weniger Geld, wenngleich Naturkost wegen ihrer aufwendigen Produktion nie wirklich den billigen Jakob markieren kann. Allerdings stößt dem Kunden, der von "Naturata" zu "Bio Company" in der Wilmersdorfer Straße übergewechselt ist, das lieblose Ambiente aus Ikearegalen und trüber Beleuchtung auf. Von einem Vollsortiment zu sprechen, bietet sich bei der Friedrichshainer Filiale an, die auf einer Verkaufsfläche von 620 qm derzeit das größte Ökoangebot Berlins führt. Bio für alle! heißt denn auch die von Undine Paul-Erler ausgegebene Parole. Die Gründerin dieser Company, die für eine insgesamt straffe Kalkulation auf Sonderangebote verzichtet, bedient bereits ein breit gefächertes Publikum, das mit Strickpullover und Rauschebart nicht viel am Hut hat.

Seit jeher wird auf dem Biosektor auf die Qualität der Öle Wert gelegt. Die Company führt die wertvollen, kalt gepressten Öle aus Ringenwalde in der Uckermark zu recht zivilen Preisen. Auf vier Regalböden verteilen sich Blau- und Weißmohnöl, Mandel-, Haselnuß-, Walnuß-, Sesam-, Hanf- und Leinöl sowie zahlreiche gewürzte Öle, ein jedes im gleichen hübschen Fläschlein. Diese Spezialitäten können zum Beispiel einen der vitalen Salate veredeln, denen ein eigenes Eck vorbehalten ist. Enorm ist das Angebot an Milchprodukten. In erster Linie sind die feinsäuerliche Bio-Butter, Joghurt und Schichtkäse oder Mascarpone der Marke Bioland empfehlenswert; festen Schnittkäsen fehlt hingegen oft der wirklich überzeugende, sortentypische Geschmack. Das mag auch der Grund sein, warum nicht gerade wenige Laibe mit Gewürz und Kräutern aromatisiert in den Handel kommen. Die Herstellung einer echten Hartkäse-Delikatesse bedarf neben guten Ausgangsstoffen eben langer handwerklicher Erfahrung.

Erfahrungen mit den Vorgehensweisen der anderen, der Welt der Massenversorgung führen endlich - das signalisieren diese Supermärkte - zu einer pragmatischen Vermarktung von Naturkost. Hinter der moralischen Mission, mit deren Hilfe die Biohändler das Geschäft mit dem schlechten Gewissen zu einer Art Ablasshandel perfektioniert haben, ist leider verschwunden, dass auch der Kommerz von Idealismus beseelt ist - nämlich dem, die Dinge billiger und damit auch den bisher Abgeneigten zugänglich zu machen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar