BIOGRAFIE„Wüstenblume“ : Das Schweigen brechen

Martin Schwickert

„Erzählen Sie mir von dem wichtigsten Tag in Ihrem Leben“, fordert die amerikanische Journalistin Waris Dirie (Liya Kebede) auf. Sie will die Geschichte unbedingt noch einmal hören. Wie Waris, die als Nomadenkind in der somalischen Wüste aufgewachsen ist, in einem Londoner Fast-Food-Lokal von dem berühmten Modefotografen Terry Donaldson entdeckt wurde und zum internationalen Topmodel aufstieg. Aber Waris will diese Aschenputtel-Story nicht noch einmal erzählen und beginnt mit einer schmerzhaften Geschichte, die ganz und gar nicht hineinpasst in die durchgestylte Modewelt.

Gerade einmal fünf Jahre alt war Waris, als sie von ihrer Mutter zu einem Mann geschleppt wurde, der ihr mit der Rasierklinge die Klitoris entfernte und die Schamlippen fast vollständig zusammennähte. In einigen Regionen Afrikas ist dies grausam-gängige Praxis, um den späteren Ehemännern die Jungfräulichkeit der Braut zu garantieren. Aber als Waris mit 13 Jahren verheiratet werden soll, flieht sie durch die Wüste nach Mogadischu zu Verwandten, die sie außer Landes bringen. Jahre später lernt sie auf einer Londoner Kaufhaustoilette die chaotische Verkäuferin Marilyn kennen, die zur guten Fee wird im Leben der illegalen Immigrantin.

In der Adaption von Diries autobiografischem Bestsellerroman „Wüstenblume“ legt Sherry Hormann („Bella Block“) den Schwerpunkt auf die Londoner Zeit, in der die junge Frau mit spärlichen Sprachkenntnissen langsam beginnt, auf eigenen Beinen zu stehen. Weitgehend pathosfrei und mit hoher Sensibilität zeigt der Film den langsamen Prozess, in dem Waris die Scham vor der eigenen Vergangenheit verliert und schließlich sogar die Kraft findet, das tabuisierte Thema öffentlich anzuprangern. Aus der Londoner Gegenwart blendet der Film immer wieder zurück in die Kindheitserinnerungen und tastet sich langsam an die traumatischen Erlebnisse heran. Natürlich erzählt auch Sherry Hormann eine Aschenputtel-Geschichte. Aber nicht der Aufstieg in der internationalen Modeszene steht hier im Vordergrund, sondern die allmähliche Konstitution weiblichen Selbstbewusstseins. Aus der grausamen Diskriminierung heraus entwickelt sich ihre Heldin zu einer Frau, die sich mutig den traumatischen Erlebnissen stellt. Das Happy End findet hier nicht im Blitzlichtgewitter des Laufsteges statt, sondern vor der UN-Vollversammlung. Beeindruckende Emanzipationsgeschichte. Martin Schwickert

„Wüstenblume“, GB/D/A 2009, 120 Min.,

R: Sherry Hormann, D: Liya Kebede, Sally Hawkins

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