Zeitung Heute : Biographie als Programm

GREGOR SCHMITZ-STEVENS

"Rihm &" - Arditti Quartett und Leipziger Streichquartett GREGOR SCHMITZ-STEVENSWolfgang Rihms Musik ist immer auch ein Stück Autobiographie.Um dieses Moment des Biographischen kreisten auch die Werke, die das Arditti Quartett und das Leipziger Streichquartett in der Festwochen-Reihe "Rihm &" im Kammermusiksaal der Philharmonie spielten. In seinem fünften Streichquartett (1981/83) hat Rihm die visuellen und akustischen Erfahrungen beim Komponieren programmatisch in Musik gesetzt.Wie durch ein Vergrößerungsglas betrachtet, werden die kleinen Schreibbewegungen zu großen musikalischen Gesten, die Schreibgeräusche zu agressiven, kratzenden Klängen, die das Arditti Quartett mit ungeheurer Intensität spielte.Aber nicht nur in einzelnen Werken wie diesem, auch in der Programmgestaltung der beiden Konzerte wurde das Biographische thematisiert: vier Stücke aus den Jahren 1966 bis 1970 waren zu hören, zwei von ihnen überhaupt das erste Mal öffentlich.Diese Kompositionen des Vierzehn- bis Achtzehnjährigen beleuchten Rihms Werkbiographie: von tonalen Fugenversuchen ("Quartett in g") über Tonsatzproben in der Klangsprache Weberns ("Skizzen für Streichquartett") bis zu expressiv-eruptiven Momenten, die auf den späteren Personalstil des Komponisten vorausweisen ("Sreichquartett 1968").Gültige Werke aber sind diese frühen Kompositionen nicht, auch wenn ihnen das Arditti Quartett und das Leipziger Streichquartett durch ihre hervorragenden Interpretationen eine starke Aura geben konnten. Die enzyklopädische zwölfteilige Konzertreihe "Rihm &" wirft ein interessantes Licht auf die Stellung dieses Komponisten im heutigen Musikbetrieb: Wem sonst werden solch umfangreiche Porträts gewidmet, die sogar Jugendwerke umfassen? Ergänzt wurden die beiden Konzerte durch Werke von Paul Dessau und dem jungen Komponisten Matthias Pintscher.Pintschers viertem Streichquartett "Ritratto di Gesualdo" (1992) liegt das Madrigal "Sospirava il mio core" des italienischen Renaissance-Komponisten Gesualdo zugrunde.In mehrfachem Wechsel von rhythmisch-bewegten und klangfarblich-statischen Feldern entwickelt sich eine gestaltenreiche Klanglandschaft, die das Arditti-Quartett am Ende sogar sprachlich zu ergänzen hatte: um ein gehauchtes "morir".

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