BIOPIC „Hannah Arendt“ : Die Einsamkeit des Denkens

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Foto: Heimatfilm
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Es ist zum Neidischwerden, gleich zu Beginn: Hannah Arendt und die Schriftstellerin Mary McCarthy (Janet McTeer) lästern über die Männer, ein Treffen im New Yorker Freundeskreis, man diskutiert, politisiert, kokettiert, Männer wie Frauen haben Affären, nur sind die Amerikaner weniger libertär als die Emigranten. Als die Nachricht von Adolf Eichmanns Verhaftung die Runde macht, sagt Arendt spontan, dass sie den Prozess in Jerusalem besuchen will. Sie will Eichmann sehen, den Holocaust- Organisator, die Inkarnation des Bösen. Die Redakteure des „New Yorker“, für den sie berichtet, sind skeptisch: Philosophen halten sich nicht an Deadlines. Es dauert zwei Jahre, bis 1963, bis sie ihren „Bericht von der Banalität des Bösen“ liefert. Das Buch hat Geschichte geschrieben.

Barbara Sukowa ist Hannah Arendt: politische Philosophin, Kettenraucherin, eine herbe, spröde Frau mit kantig deutschem Akzent und energischer Streitlust. Zwei Mal entkam sie den Nazis, jetzt lebt sie am Riverside Drive mit ihrem Mann Heinrich Blücher (Axel Milberg), denkt nach, liest, schreibt, berät sich mit ihrer Assistentin Lotte Köhler (Julia Jentsch), spricht im Hörsaal über Totalitarismus, sitzt im Presseraum in Jerusalem, stellt fest, Eichmann ist kein Monster, sondern ein Hanswurst.

Im Film sind Dokumentaraufnahmen des Prozesses zu sehen. Arendts Bericht löst einen Sturm der Entrüstung aus, Hans Jonas (Ulrich Noethen) bricht mit ihr, ihr väterlicher Freund Kurt Blumenfeld (Martin Degen) wendet sich auf dem Sterbebett von ihr ab. Weil sie sagt, Eichmann war ein Gedankenloser, unfähig, Verantwortung zu übernehmen. Weil sie die Rolle der Judenräte anspricht. Leser schicken Morddrohungen.

Die Einsamkeit des Denkens hatte Martin Heidegger (Klaus Pohl) der Studentin und Geliebten einst in Deutschland vorhergesagt. Aber da ist auch die Erotik des Denkens. Für beides hat Regisseurin Margarethe von Trotta Räume geschaffen, einen konventionellen, aber nach gründlichen Recherchen konstruierten Kinoraum für die Lust am Disput wie für die Anfeindungen. Auch wenn die Rückblenden zur Heidegger-Affäre ungelenk geraten sind, auch wenn die – erfundene – Szene, in der sie vom Mossad bedroht wird, fragwürdig bleibt: „Hannah Arendt“ ist die bewegende Annäherung an eine Frau, die das Denken ohne Geländer erprobte und sich die Freiheit des Geistes leistete, stur, skrupulös, leidenschaftlich. Einfühlsam. Christiane Peitz

D 2012, 113 Min., R: Margarethe von Trotta, D: Barbara Sukowa, Axel Milberg

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