Birma : Gewaltiger Glaube

Das Militärregime in Birma setzt nun doch Gewalt gegen die demonstrierenden Mönche ein. Lässt sich dieses Vorgehen in einer buddhistisch geprägten Gesellschaft – in der die Mönche als unantastbar gelten – rechtfertigen?

Moritz Kleine-Brockhoff[Bangkok]

Der Buddhismus steht im Ruf, eine besonders weiche, friedliche und unaufdringliche Religion zu sein. In seinem Namen wurden bisher keine Religionskriege geführt. Und buddhistische Mönche treten in der Regel nicht als aggressive Prediger auf, sondern tolerieren bewusst andere Glaubensformen. Das gilt gerade auch für Birma. Die Gesellschaft dort ist besonders stark vom Buddhismus geprägt. Zum Beispiel ist es üblich, dass Eltern ihre Söhne als Ausdruck ihrer Religiosität für einige Zeit ins Kloster schicken.

Allerdings unterscheidet sich der Buddhismus in einem Punkt kaum von anderen Religionen: Der Glaube wird immer dann auf eine harte Probe gestellt, wenn sich die Hinwendung zur Religion nicht mehr mit staatlichen Loyalitäten vereinbaren lässt. Jahrhundertelang bekriegten sich Birmanen, Siamesen und Khmer in Birma, Thailand und Kambodscha. Buddhisten brachten dabei auch Buddhisten um. Und im 20. Jahrhundert bekämpften Buddhisten in Bürgerkriegen in Kambodscha und Laos die linken, atheistischen Roten Khmer und die Pathet Lao. Heute schießen Buddhisten im Süden Thailands auf muslimische Separatisten. Und inzwischen gehen Birmas buddhistische Soldaten gegen „ihre“ Mönche vor.

Die Gewalt in Birma ist von den Sicherheitskräften ausgegangen. Fast alle Mönche wehrten sich nicht. Allerdings blieben beim aktuellen Protest auch nicht alle Geistlichen friedlich. Am 5. September protestierten 300 Mönche in der Stadt Pakokku, 500 Kilometer nördlich von Rangun, gegen die Benzinpreiserhöhung der Junta von Mitte August. Soldaten feuerten Warnschüsse ab und verprügelten Mönche mit Bambusstöcken. Sogenannte zivile Sicherheitskräfte, eigentlich Mitglieder einer staatlich sanktionierten Schlägertruppe, prügelten mit.

Einen Tag später wollten Soldaten und Beamte, insgesamt 20 Männer, sich bei den Mönchen entschuldigen. Statt das anzunehmen, nahmen die Mönche die 20 Männer als Geiseln. Und sie steckten die Autos der Beamten in Brand. Die Mönche gingen zum Elektronikgeschäft des Anführers der Zivilkräfte, um in seinem Laden alles kurz und klein zu schlagen. Birmas wenige gewalttätige Mönche sehen es wohl als ihre Pflicht, für die Interessen des von der Junta geknechteten Volkes einzutreten. Es ist ihr Volk. Und aus Sicht der Bevölkerung sind die Geistlichen auch ihre Mönche.

Nach Ansicht der Militärführung gefährdet dagegen eine kleine Minderheit von Mönchen die mühsam geschaffene Stabilität in dem Vielvölkerstaat. Den Sicherheitskräften – mit staatlicher Propaganda aufgewachsen und ausgebildet – wird eingebläut, es sei ihre Pflicht, „das Volk vor destruktiven Elementen zu schützen“. Zur Beruhigung ihres Gewissens sollen sich die Soldaten auf die juntakonforme Führung des staatlichen Mönch-Komitees „Sangha Nayaka“ berufen können. Sie wies die Mönche an, in den Klöstern zu bleiben. Und der Religionsminister der Junta drohte mit einer „Aktion“ für den Fall, dass Anweisungen des Komitees nicht eingehalten werden sollten.

Beide Seiten stehen zwischen religiöser Loyalität und ihrem Bewusstsein, auch einer anderen Pflicht nachkommen zu müssen. Friedliche buddhistische Mönche entschieden sich für ihre Religion – gewalttätige buddhistische Sicherheitskräfte für den Staatsdienst. Und das, obwohl Polizisten und Soldaten wissen, dass ihre Religion keinen Gott hat, der Sünden vergeben könnte.

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