Zeitung Heute : Bis an die Schmerzgrenze

SIMONE MAHRENHOLZ

Musik ist alles, Filmmusik besonders.In "Projekt: Peacemaker", einem ansehnlichen Thriller über Atombomben-Terroristen, zerstört sie freilich alles - weil sie dem Denken stets zuvorkommtVON SIMONE MAHRENHOLZVielleicht ist es ein besonders perfider Schachzug der amerikanischen Steuerungsanlage unseres kollektiven Unbewußten (Deckname "Hollywood"), daß sie den Bösen hier Chopin spielen lassen.Ja, der Mann, der die "Friedensstifter" der UN in New York atomar in die Luft jagen will - er intoniert Chopin.Doch die Regie hat über diesen Komponisten eine unerträgliche Symphonie-Soße verhängt und damit jene Musikliebe subtil als Verirrung eines grotesk Geistesgestörten gezeichnet. Soweit die musiksemiologische Fehldeutung.In Wirklichkeit fand Filmkomponist Hans Zimmer reinen Chopinklang schlicht zu dünn für das erste Projekt der von Steven Spielberg mitgegründeten Dreamworks-Produktionsgesellschaft.Gespickt mit Stars, Humor, Realitätsgehalt und wahrlich unterhaltsamen Action-Szenen hat Regisseurin Mimi Leder einen überdurchschnittlich ansehnlichen Thriller gedreht, den ihr oscar-prämierter Komponist Zimmer leider zerstört, wo es nur geht.Immer dann etwa, wenn die Russen im Bild sind, und das geschieht in diesem Film sehr häufig, läßt Zimmer schwülstig-östliche Chöre auffahren oder gleich Militärmusik blasen.So kommt die Musik dem Denken immer zuvor, und alle Bilder bekommen nachträglich einen Hauch von Klischee.Dabei sind es wunderschöne Bilder.Wie der Zug in Dämmerungsblau durch die nebelverhangenen russischen Wälder seine Schneise schlägt, um dann einem gestohlenen atomaren Sprengkopf optisch äußerst ansprechend zum Opfer zu fallen - da hat Kameramann Dietrich Lohmann, Absolvent der Berliner Filmhochschule ("Eine Couch in New York") mit seiner Batterie Farbfilter kühne Arbeit geleistet. Das Thema des Films ist Terror.Der neue Terror, der die Ex-Feinde USA und Rußland zusammenschweißt: gegen die Bedrohung durch Nuklearwaffen, die mit Hilfe der russischen Mafia und korrupter Militärs irgendwo auf dem Globus in den Händen Einzelner landen.Das Weiße Haus in Washington unterhält Spezialeinheiten für Atomwaffenschmuggel.Dem Drehbuch liegt die Reportage zweier preisgekrönter Enthüllungsjournalisten zugrunde, als Beraterin fungierte zudem eine ehemalige Direktorin des Nationalen Sicherheitsrats.Wir beobachten also den eigenen potentiellen Alptraum. Bei einer Verschrottungsaktion russischer Raketen, Ergebnis des START-Abkommens, zweigt General Kodoroff (Alexander Baluev) zehn Atomsprengköpfe ab.Der Transportzug explodiert im Ural bei einer ominösen Kollision: eine Atomexplosion.Ein Unfall? In Washington wird die junge, ehrgeizige Nuklearwissenschaftlerin Dr.Julia Kelly (Nicole Kidman) mit dem Fall betraut.Ihr wird vom Pentagon Thomas Devoe (George Clooney) beigesellt, ein hochdekorierter Colonel mit Charme bis an die Schmerzgrenze, dessen instinktgeleitete Arbeitsmethoden der spröden Akademikerin Kelly dramaturgisch wichtige Kopfschmerzen bereiten. Das ungleiche Kollegenpaar wird nach Wien geschickt; dort erhärtet der russische Oberst Vertikoff (Armin Mueller-Stahl) Devoes These vom Diebstahl der Sprengköpfe.Ein Lastwagen ist damit Richtung Irak unterwegs.Schnitt.Zwischendurch sieht man in serbischen Armenlagern - Achtung: Chopin - am Klavier einen Mann, in dessen feinsinnig-kultivierte Züge das Leid von Jahrhunderten eingraviert scheint.Dusan (Marcel Iures), Serbe, Kroate und Moslem, hat sehr persönliche Gründe, sich um einen jener Sprengköpfe zu bemühen. Es spricht für die Differenziertheit des Plots, daß nicht nur der Böse letztlich die menschlichste Figur ist, sondern daß die westlich-amerikanische Einmischungspolitik in den Balkankonflikt hier in ihrer Ambivalenz gezeichnet wird.Zugleich wird jedoch dauernd mit modernster Technik kinowirksam herumgeprotzt.Wilde Stunts und verbale Unverschämtheiten steht die zittrig-zähe Dr.Kelly vor stets bestechender historischer Kulisse durch.Kidman legt ihre Figur brillant zwischen Jodie Fosters Humorlosigkeit und Diane Keatons nervöser Komik an, und George Clooney gehört in dieser Rolle, naja, zum Knusprigsten, was Hollywood derzeit aufzubieten hat.Nebenbei ist der Film ein fast parodistischer Kommentar zu den in den USA besonders bitter ausgetragenen Geschlechterrollen-Konflikten. In zwölf Berliner Kinos; Originalversion in der Kurbel 

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