Zeitung Heute : Bis auf die letzte Rupie

Der Baustein kostet 20 Cent, die Cashewpflanze 80, das Dachgeflecht aus Cajan 32 Euro. Wie mehr als 500 Familien auf Sri Lanka mit Leserspenden nach dem Tsunami eine neue Heimat fanden

Annette Kögel[Kilinochchi]

Ducken. Weg aus der Hitze, hinein in die dunkle Kühle durch den niedrigen Eingang in die Hütte mit den Steinwänden und dem Palmwedeldach. Jothy Vinsantypol lebt hier auf 30 Quadratmetern mit denen, die ihr die Flut gelassen hat: ihrem Mann, ihrem Sohn, Freunden. Sie führt die Gäste zum Hausaltar, das Gesicht wie versteinert. Auf dem Altar, geschmückt mit Blumenkränzen, erinnert ein riesiges Foto an das Lächeln ihrer Tochter, die seit dem 26. Dezember nicht mehr da ist, zerschmettert wurde, als der Tsunami kam. Thushanthiny war 16 Jahre alt.

Das Dorf in Mullaitivu im Nordosten Sri Lankas, in dem Jothy Vinsantypol lebt, ist nagelneu, wie auch ihre eigene Hütte. Ja, schön sei es hier, sagt sie. Aber dennoch, sie will zurück ans Meer. Ihr Mann muss fischen, um die Familie zu ernähren. Natürlich hat sie Angst, aber etwas anderes ist stärker. „Dort, wo meine Tochter gestorben ist, will auch ich sterben.“

Die Hütte, in der Jothy lebt, wurde von der Deutschen Welthungerhilfe und ihrer einheimischen Partnerorganisation Sewalanka errichtet, und wenn die Familie ein dauerhaftes Zuhause findet, wird sie es wohl auch mit deren Unterstützung tun. 540000 Euro haben die Leser des Tagesspiegels für die Zeitungsaktion „Ein Dach über dem Kopf“ mit der Welthungerhilfe gespendet. 250 000 Euro wurden in der ersten Aufbauphase investiert. In Mullaitivu haben 307 Familien durch die Spenden ein neues Zuhause gefunden, 357 Übergangshäuser sind dort insgesamt in sicherer Entfernung vom Meer entstanden. Zudem wurden 210 Häuser aus Rohrgestängen und Wellblechdächern im weiter südlich gelegenen Distrikt Trincomalee gebaut. 2500 Tsunami-Opfer haben die Tagesspiegel-Leser so bereits unterstützt.

Im Nordosten Sri Lankas organisiert Michael Koob, 47 Jahre alt, die Tsunami-Hilfe für die „German Agro Action“. Koob hat Politische Wissenschaft und Germanistik studiert, wurde später Leiter der Abteilung Controlling, Ausbilder und Ansprechpartner für die Wirtschaftsprüfer bei der Volksbank Rhein-Neckar in Mannheim. Budgetierung, Risikosteuerung, Projektmanagement: Das macht er jetzt auch. Aber am Schreibtisch in Kilinochchi. „In Deutschland hätten die Leute am liebsten, dass wir noch schneller noch mehr Häuser hinklotzen, damit man sieht, wie die Spenden verwendet wurden.“ Doch Menschen wie Jothy Vinsantypol sollen langfristig ein neues Zuhause und Arbeit finden. Und das dauert, weil Landfragen geklärt, Reisfelder neu bestellt, Geschäfte aufgebaut, Menschen ausgebildet werden müssen.

Bis klar ist, ob die Pufferzone zum Meer 100, 200 oder 300 Meter betragen soll, finanzieren „German Agro Action“ und Sewalanka so genannte Temporary Shelter wie jene in Mullaitivu. Koob tippt auf seinem Laptop. Zwei Mal Cajan-Dachgeflecht 32 Euro, der Baustein 20 Cent, eine Cashewpflanze 80 Cent, das Haus mit Zementboden inklusive Lohn für die Arbeiter zwischen 370 und 525 Euro. „Die Preise haben kräftig angezogen. In den letzten Jahren sind auf der ganzen Insel nicht so viele Häuser gebaut worden wie jetzt nach dem Tsunami.“ Koob muss vor jedem Einkauf mehrere Angebote einholen. Weil die DWHH-Zentrale in Bonn regelmäßig einen Kassensturz macht und Revisoren schickt, erstellt Koob alle zwei Monate einen „Financial Report“. Die Quittungen sind mal auf Tamil, mal auf Sinhala, aber immer auch auf Englisch abgefasst, auf die Rupie genau.

Koob legt den Kopf in den Nacken, er steht am Strand und sein Blick klettert am Stamm einer Palme hinauf. Zehn, 15, 20 Meter. Und oben, am Ende des Stamms, nichts. Die Krone hat der Tsunami abgerissen. „Mit welcher Kraft das Meer hier gewütet hat, ist unvorstellbar. Als ich das zum ersten Mal sah, kam ich mir vor wie in einem Science Fiction Film“, sagt Koob.

Mullaitivu statt Mannheim: Arbeiten im Büro, in dem es anfangs weder Telefon noch Internet gibt. Wohnen mit zwei Kollegen auf engsten Raum in einem Haus ohne Strom. Und das in einem von zwei Jahrzehnten Bürgerkrieg aufgepeitschten Land mit immer neuen Zwischenfällen? Michael Koob war vor drei Jahren mit dem Rucksack in Sri Lanka unterwegs, das Land hat ihn für sich gewonnen. „Den 26. Dezember 2002 habe ich bei einer Familie in Unawatuna im Süden verbracht. Wir hatten Weihnachtsgeschenke dabei, und ein Srilanker, der mal in Deutschland war, servierte uns Kartoffelsalat.“

Auf den Tag genau zwei Jahre danach geschah die Katastrophe. 38000 Menschen starben – doppelt so viele waren es bis zum Waffenstillstand 2002. Erst mussten Hunderttausende vor Milizen und Liquidationskommandos flüchten, jetzt verloren sie wieder alles. Mehr als eine halbe Million Srilanker ist immer noch obdachlos, sie leben in Zelten oder in öffentlichen Gebäuden. Koob hat damals sofort über das Internet mit der Familie aus Unawatuna Kontakt aufgenommen. Sie hat überlebt. „Da musste ich handeln“, sagt Koob.

Schon ein Jahr vorher hatte er sich entschieden, sein Leben zu ändern. „Im Job alles erreicht, gut verdient – und doch hat mir was gefehlt. Da fühlte ich: Du musst etwas tun. Ich finde nichts schlimmer als verpasste Chancen.“ Eine Entwicklungshilfeorganisation suchte damals einen Finanzexperten für Afghanistan. Das hatte er gerade ein Jahr lang gemacht, als der Tsunami kam. Er bewarb sich als Projektadministrator und wurde genommen, hat Kleider und Bücher gepackt, ein paar CDs, Fotos von der Freundin, Mückenschutz gegen Malaria und Denguefieber und zwei Gläser Nutella. Und dann ist er im Frühjahr die 9000 Kilometer weit in eine andere Welt geflogen.

Im neuen Tsunami-Büro der „German Agro Action“ an der Thirunager Road in Kilinochchi im Norden prangt auf jedem Möbelstück eine Inventarnummer. Die Toilette ist vergleichsweise luxuriös, „in diesem Land lernt man, zu abstrahieren“. An der Wand eine Karte: Sri Lanka, so groß wie Bayern, aber um es zu durchqueren, braucht man einen ganzen Tag.

Alle paar Wochen holpern Koob und sein Fahrer Prekumar nach Süden auf der größten Straße des Landes. Es geht langsam voran, die A9 ist gesäumt von Landminenwarnschildern und weist Löcher auf, so tief wie Baugruben. Bremsen muss Prekumar auch an der Grenze. Sie trennt den von den Befreiungskämpfern „Tamil Tigers“ beanspruchten Norden, in dem auch sein Tsunami-Büro liegt, vom Süden unter singhalesischer Regierung. Stacheldraht, Schießstände mit Sandsäcken, Ausweiskontrolle auf beiden Seiten. Nur die Ruhe. „Mit Druck erreicht man hier in Sri Lanka gar nichts“, sagt Koob. Deswegen ärgert ihn auch die Kritik der Öffentlichkeit. „Das, was in Deutschland zwei Tage braucht, dauert hier zwei Monate.“ An der Grenze müssen die Lkw mit Baumaterial, Lebensmitteln und Spenden sogar zweimal komplett abgeladen werden: Verdacht auf Waffenschmuggel. Dann geht es im Slalom um Entgegenkommende inklusive Kühe und Hunde bis zur Peoples Bank in Vavuniya, dem letzten Ort auf Regierungsseite vorm Tamilengebiet: Geld abheben am EC-Automaten, Koob macht auch das selbst.

Für die Srilanker sind die Spendenbeträge Unsummen. 60 Euro beträgt ihr durchschnittlicher Monatslohn – aber im stark entvölkerten Norden hat sowieso kaum jemand Arbeit. Schon gibt es Neid bei den Bürgerkriegsflüchtlingen in ihren Wellblechlagern auf die wieder aufgebauten Dörfer im Landesinnern – und auf die „Goldküste“. Um neue Konflikte zu verhindern, fordern Vertreter der Nichtregierungsorganisationen bei ihren wöchentlichen Treffen auch für diese Unterkünfte neue Standards von der Regierung. Welthungerhilfe und Sewalanka bringen sogar hinduistische Tamilen und buddhistischen Singhalesen an einen Tisch: Friedensarbeit an der Basis. Doch viel Anerkennung gibt es in Sri Lanka nicht, im Gegenteil. Einige Politiker machen Stimmung gegen die Weißen, gegen die NGO-Vertreter, die sich in Colombo auf die Füße treten – sie würden sich angeblich selbst bereichern. Doch wenn Koob die dankbaren, lachenden Kinder sieht, vergisst er diese Anfeindungen.

Auch Thushanthiny Vinsantypol hatte ein schönes Lächeln. Ihre Mutter hat ihr Porträt auf kleine Plastikkarten aufbringen lassen. Alles Geld hat sie dafür zusammengenommen und sie an überlebende Schulkameradinnen verteilt. Jetzt bekommt es der Gast aus der Fremde.

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