Zeitung Heute : Bis das Selberfliegen klappt

In den fünf Gründerhäusern der Freien Universität werden junge Unternehmer bei den ersten Schritten in der Selbstständigkeit unterstützt

Mareike Knoke
Im Selbstversuch:
Im Selbstversuch:

An einem sonnigen Wintertag kann der Campus der Freien Universität an der Malteser Straße in Lankwitz eindeutig punkten: Vor allem das Haus L hält an hellen, klaren Tagen beeindruckende Ausblicke parat. „Von hier oben im sechsten Stock kann man bis zum Alex schauen“, begeistert sich Alexander Tirpitz. Ein Büro mit Weitblick ist genau das Richtige für den 28-jährigen studierten Betriebswirtschaftler und Sinologen. Denn von hier aus baut er, gemeinsam mit dem Politologen Constantin Groll und dem Juristen Keywan Ghane, das Dienstleistungsunternehmen Enter Germany auf. Es will mittelständischen Unternehmen aus Schwellenländern wie China, Mexiko oder Brasilien dabei helfen, auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen.

Eigene Starthilfe bekommen die drei Jungunternehmer von Profund – der Gründungsförderung der Freien Universität Berlin. Studierende und Wissenschaftler, die mit vielversprechenden Ideen überzeugen und an der Freien Universität einen Mentor haben oder aber durch das EXIST-Förderprogramm des Bundeswirtschaftsministeriums unterstützt werden, erhalten ein Jahr lang Büroräume zur Nutzung, inklusive Telefon- und Internetanschluss. Außerdem werden sie in wichtigen Fragen gecoacht, etwa zur Finanzierung. Die Büroräume verteilen sich auf fünf Gründerhäuser, eines davon ist auf dem Campus der Freien Universität in Lankwitz.

Die Enter-Germany-Gründer bieten zweierlei: „Zum einen wollen wir ein Kompetenzzentrum sein, das deutsche Verbände, Wirtschaftsförderungsgesellschaften, Unternehmen und Politiker mit Informationen über die Unternehmenskultur in den Schwellenländern versorgt“, sagt Alexander Tirpitz. Das Team arbeitet hierfür gerade an einer Studie über die Schwierigkeiten chinesischer Firmen, die den deutschen Markt erobern wollen. Sie soll im Februar veröffentlicht werden, Tirpitz, Groll und Ghane erhoffen sich davon auch einen Schub für ihr Unternehmen. „Außerdem sind wir Mittler für die ausländischen Unternehmen, denn die wissen oft nicht, welche Verhandlungskultur und welches Geschäftsdenken sie hier erwartet“, sagt Groll.

Im Augenblick konzentrieren sich die Gründer auf China. Ist der Start geglückt, sollen Mittel- und Südamerika dazukommen. Der Sinologe Tirpitz hat Kontakte zu Firmen in Schanghai, er hat dort als Student Praktika absolviert: „Stolpersteine auf dem Weg in den deutschen Markt sind auf jeden Fall die unterschiedlichen Mentalitäten. Dies führt häufig zu Missverständnissen.“ Das erlebte der Oberbürgermeister einer nordrhein-westfälischen Stadt, wie Tirpitz erzählt: Ein chinesischer Unternehmer hatte ein Gespräch mit dem Stadtoberhaupt und dachte, nachdem er nun Tee mit ihm getrunken hatte, sei die Sache geritzt und der Weg frei, um gute Geschäfte zu machen. Das war natürlich nicht so. Doch dass es so einfach in Deutschland nicht läuft, wusste der chinesische Unternehmer nicht.

Ein paar Bürotüren weiter blicken Jochen Zimmermann, Holger Haberstock, Lucas von Fürstenberg und Thomas Reinhold optimistisch in die Zukunft. Auch sie haben mit ihrer Neugründung ferne Länder im Blick: Traverdo heißt ihr Online-Portal für nachhaltiges Reisen, eine Wortschöpfung aus travel (reisen) und verde (grün) Die dort versammelten Anbieter beschäftigen sich damit, die negativen Auswirkungen des Tourismus auf Mensch und Umwelt so gering wie möglich zu halten. Einige haben Hilfsprojekte in den Reiseländern gegründet. Bis Ende des Jahres sollen unter der Internetadresse www.traverdo.de 1500 Reisen im Angebot sein: vom Meditationsworkshop auf Zypern über die Rundreise in Costa Rica bis hin zur Kajaktour in der Antarktis. Doch sind Flugreisen und Umweltschutz nicht eigentlich ein Widerspruch? „Diese Kröte müssen wir schlucken, denn es gibt bei großen Entfernungen leider keine Alternative zum Fliegen“, räumt der Geograf und Ethnologe Jochen Zimmermann ein.

Wie kam es zu der Geschäftsidee? Jochen Zimmermann hat unter anderem bereits ein Tourismus-Projekt für die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Honduras betreut. „Außerdem haben wir bei unserer eigenen Urlaubsplanung oft die Erfahrung gemacht, dass man sich erst durch viele Suchmaschinen-Seiten kämpfen muss. Portale, die nachhaltige Reisen gebündelt anbieten, gibt es bislang kaum.“ Verdienen wollen die Gründer an der Provision, die die Reiseveranstalter bezahlen. Als Partner haben sie bereits den Reiseverband „Forum Anders Reisen“ und verschiedene Zertifizierungsagenturen für nachhaltigen Tourismus gewonnen.

Um Nachhaltigkeit geht es auch einige Kilometer Luftlinie entfernt in der Dahlemer Arnimallee. Dort, im Dachgeschoss des Physik-Gebäudes der Freien Universität, ist eine weitere Gründeretage untergebracht, in der Erfindungen zur Marktreife gebracht werden. Zum Beispiel durch die Firma Symplektikon. Hinter dem Unternehmen steckt eine Entwicklung des Informatik-Professors Raúl Rojas von der Freien Universität: ein Informationsgerät für Blinde und stark Sehbehinderte, das wahlweise Texte von Internetseiten oder aus Tageszeitungen „vorliest“, auf Tastendruck Temperatur und Uhrzeit verrät oder E-Mails per Spracherkennung verschickt. Zum Team gehören der Physiker und Projektleiter Sime Pervan, drei junge Informatiker, ein Marketing- und Vertriebsexperte, ein Tonmeister und ein Mitarbeiter, der sich mit den Herausforderungen des Blindseins auskennt. „Unser Ehrgeiz ist es zu zeigen, dass man solche Geräte zum Preis eines Laptops anbieten und somit die Zielgruppe erreichen kann“, sagt Sime Pervan.

Der Prototyp des Lesegerätes, das drahtlos mit dem Internet verbunden werden kann, steht in seinem Büro und erinnert an eine Mischung aus einem Scanner und einem Overhead-Projektor. Ein Selbstversuch zeigt: Die Funktionsweise der postkartengroßen Tastatur ist schnell durchschaut. „Auch Tests mit blinden Nutzern haben uns gezeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind“, sagt Sime Pervan, der eigentlich Grundlagenforschung betrieben hatte und nun Feuer gefangen hat für die anwendungsbezogene Entwicklung. Eine letzte große Hürde ist die wirklich störungsfreie Wiedergabe von Texten. Denn noch können große Grafiken mitten im Text oder auch Knitterfalten im Papier dem Lesegerät Probleme bereiten. „Aber das kriegen wir hin“, sagt Pervan. Ebenso überzeugt ist er, dass sich schon bald Kapital-Geber finden, wenn das Geld aus dem EXIST-Programm nicht mehr fließt. Schon jetzt gibt es Förderer wie die Deutsche Telekom, die den blinden Testern kostenlos Internetanschlüsse zur Verfügung stellt.

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