Zeitung Heute : Bis dass das Internet Euch scheidet

Zwei Drittel aller Trennungen erfolgen einvernehmlich. Das Netz kann in diesen Fällen die Nerven schonen

Matilda Jordanova-Duda

Die Scheidung war beschlossene Sache, aber Marion Witte hatte zwei kleine Kinder und keine Zeit, zum Rechtsanwalt zu rennen. Es müsste doch eine Möglichkeit geben, alles per Mail und Telefon zu erledigen, dachte sie und suchte im Internet. Das war im Juni 2001, und zufällig wurde sie fündig. Kurz vorher hatte sich Roland Sperling als erster deutscher Rechtsanwalt entschieden, über seine Homepage Internet-Scheidungen anzubieten.

Marion Witte füllte das Antragsformular aus und schickte es weg. Dass ihr Rechtsbeistand in Düsseldorf saß und sie in Osnabrück, spielte keine Rolle: Sie hat ihn während der ganzen Zeit nicht ein einziges Mal getroffen. Da ihr damaliger Ehemann im Ausland arbeitete, kam ihm die Internet-Scheidung auch entgegen. Alles, was Unterhalt, Schulden, Hausrat und Sorgerecht für die Kinder betrifft, hatten die Eheleute schon schriftlich beim Notar festgelegt. Nur vor Gericht mussten die beiden noch leibhaftig erscheinen und wurden dort von örtlichen Anwälten begleitet. Die Verhandlung dauerte sieben Minuten, erinnert sich Marion Witte.

Ihr jetziger Ehemann Peter war ebenfalls ein Mandant des Düsseldorfer Anwalts. Auch er hatte sich mit seiner Ex-Frau einvernehmlich geeinigt, was ohne Kinder und mit gleich hohen Verdiensten leicht ging. Nur bei solch unkomplizierten Fällen mache das Online-Verfahren Sinn, warnt Sperling. Nach seiner Einschätzung seien zwei Drittel der Scheidungen nicht streitig.

„Alle glücklichen Familien sind gleich, jede unglückliche Familie ist auf eine eigene Art und Weise unglücklich“, hat Lew Tolstoj geschrieben. Aber nicht aus juristischer Sicht. „Die einvernehmlichen Scheidungen laufen immer auf die gleiche Art und Weise ab“, sagt Sperling, „der Anwalt braucht immer dieselben Informationen“. Ein gut zu standardisierendes Verfahren, das sich für eine formularmäßige Bearbeitung eignet. Selten, aber dennoch kommt es vor, dass die Scheidung doch nicht so glatt läuft wie gedacht: Die Eheleute fangen an, sich wegen der Kinder, der Rente, der Möbel zu schikanieren. Dann seien sie mit dem herkömmlichen Verfahren mit verschiedenen Anwälten als Ansprechpartner vor Ort besser dran.

Marion und Peter Wittes Fazit: „Bei einer Online-Scheidung muss man sehr viel selbst mitarbeiten, beispielsweise Formulare ausfüllen. Vor Gericht muss man trotz allem persönlich erscheinen, aber alles andere vorher kann man nach Feierabend am PC erledigen.“ Allerdings sei ihr Anwalt am Telefon sehr schlecht zu erreichen gewesen, und es habe manchmal gedauert, bis er auf die Mails antwortete.

Rund 50 Paare monatlich lassen sich online mit Sperlings Hilfe scheiden. Das Verfahren spart vor allem lange Wege, Terminabsprachen und Urlaubstage. Ganz online läuft die Sache natürlich nicht: Viele Papiere werden mit der Post verschickt, hin und wieder greifen die Mandanten zum Telefonhörer, um etwas zu klären. Es werden auch noch einige Jahre vergehen, bis die Richter in der Lage sind, den Scheidungsakt mittels Videokonferenzschaltung vorzunehmen. Zwar sind seit 2002 Gerichtsverfahren online erlaubt, und das Land Niedersachsen probt in diesem Jahr im Amtsgericht Westerstede die Einführung der papierlosen Akte. Aber es sind noch Sicherheitsprobleme zu lösen, und der Justiz fehlt es vielfach an Ausrüstung. Bei rund 570 000 Verfahren im Jahr 2001 an den deutschen Familiengerichten ist sicherlich noch Optimierungspotenzial vorhanden.

Erste Nachahmer

Obwohl der Online-Scheidung ein „light“-Charakter anhafte, sei die Technik nicht das eigentliche Problem, sagt Oberkirchenrat Thies Gundlach vom Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland. Bedauerlich sei es, dass sich zwei Menschen trennen. Ob sie das nun am Computer oder durch den herkömmlichen Gang zum Anwalt besiegeln, sei zweitrangig.

Inzwischen hat Sperling Nachahmer gefunden. Die Suchmaschine wirft ein Dutzend Kanzleien auf Anfrage aus. Beate Meinberg aus Gelsenkirchen bearbeitet gerade drei Fälle: zwei Paare aus Berlin und eins aus Tübingen. Vor einem Jahr hatte die Familienrechtsspezialistin im Chatroom einen Arzt kennen gelernt, und irgendwie kam er auf seine Scheidung per Internet zu sprechen. Wie denn das? wunderte sich die Juristin. „Das geht doch gar nicht!“ Der Chat-Bekannte schickte ihr die Webadresse von Sperling. Toll, fand Meinberg. Seit einem halben Jahr hat sie eine eigene Website und seitdem etwa tausend Besucher verzeichnet. „Das spart Zeit und Nerven – und die können sie in der eh schon aufreibenden Trennungssituation gut gebrauchen“, wirbt sie für das neue Angebot.

Dass es auch Kosten sparen soll, meint sie dagegen nicht. Die Anwälte seien schließlich an ihre Gebührenordnung gebunden. Deshalb geht sie auch gegen Kollegen vor, die mit der „günstigen“ Online-Scheidung werben. Der Datenaustausch per Computer habe aber den Vorteil, den Mandanten eine gewisse Anonymität zu sichern. Viele Scheidungswillige scheuten sich, beim Anwalt anzurufen oder persönlich vorzusprechen.

Damit sich niemand einen schlechten Scherz erlaubt und für seine Nachbarn oder Kollegen die Eheauflösung beantragt, hat Meinberg ein paar Sicherheitsvorkehrungen eingebaut. Sie überprüft die Mailadresse und verlangt die Originaldokumente. Ob die vereinfachte Online-Methode, die man ja auch spätabends und am Wochenende nutzen kann, die Leute dazu verleitet, beim ersten Streit den Anwalt anzuklicken statt einmal drüber zu schlafen? Da sei das deutsche Familienrecht vor: „Vor dem ersten Klick in die Freiheit sollen Sie mindestens ein Jahr getrennt gelebt haben.“

Für die Feier danach

Und die neue Freiheit will dann gefeiert werden. Ein Online-Shop bietet Ausstattung und Mitbringsel für die „Scheidungsparty“: Kappen, Luftballons, Teddys, Sekt und Kondome mit zerrissenem Herz und der Aufschrift „Glücklich geschieden“. Der Shop wird von zwei Geschiedenen betrieben, die sich kennen und lieben gelernt haben. Rechtsanwalt Sperling hält für seine Kunden den Link parat.

Links zum Thema:

www.scheidung-online.de

www.scheidung-via-internet.de

www.scheidungsartikel.de

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