Zeitung Heute : Bis März muss "der Sommer" verkauft sein

Gerd W. Seidemann

Auf die Reisebüros kommen richtig schwere Zeiten zu - es ist Katalogsaison, da biegen sich Tresen und Regale in den Agenturen, da bleibt keine Stapelecke ungenutzt. Allein Neckermann Reisen, das Zugpferd der Thomas Cook AG, stellt das Angebot für den Sommer 2002 in 21 zum Teil sehr dicken Katalogen dar. Und wenn in der nächsten Woche auch TUI mit sehr wahrscheinlich noch mehr Prospekten an die Counter rollt, möchte vielleicht mancher Expedient am liebsten selbst Urlaub nehmen. Doch in der spannendsten Phase der Buchungssaison wird das wohl nichts: Vom Erscheinen der Kataloge an bis spätestens März sollte "der Sommer" auch mit Hilfe erweiterter Frühbucher-Rabatte so gut wie verkauft sein.

Ausgesprochen optimistisch gibt sich Detlef Altmann, verantwortlich für die deutschen Veranstalter im Vorstand der Thomas Cook AG. Zwar werde das laufende Winterprogramm nach "hervorragendem Start" und einem Einbruch nach dem 11. September nun eher verhalten gebucht und im Vergleich zum Vorjahr seien bisher etwa zwölf Prozent weniger Gäste zu verzeichnen. Doch der Sommer soll es dann richten, Altmann erwartet einen Umsatz- und Gästezuwachs von sechs Prozent. Und das nach einem Rekord-Geschäftsjahr 2000 / 2001, in dem ein Umsatzzuwachs von 16 Prozent notiert werden konnte. "Die Buchungseingänge der vergangenen Wochen haben bestätigt, dass der Kunde seine Reisepläne nur verschoben, keinesfalls fallen gelassen hat."

Was gibt es Neues bei Neckermann Reisen? Spektakuläres konnten die Reisemanager bei der Programmpräsentation nicht bieten, doch schließlich erwartet niemand, dass die Branche alljährlich die Reise neu erfindet. So hat man sich in Oberursel vor allem Detailverbesserungen der verschiedenen Produkte gewidmet. Auf der Fernstrecke "war China einfach fällig", wie es Produktmanager Günther Reischl formuliert. Nicht nur auf die klassischen Rundreisen will Neckermann seine Gäste schicken, sondern auch in die "Badedestination" China. Obwohl auf der Insel Hainan erst unlängst ein deutscher Mitbewerber mit seinem Programm Schiffbruch erlitten hat, will Neckermann es mit sechs- und 13-tägigen Badeaufenthalten versuchen.

Für Vietnam ist das Angebot entsprechend der großen Nachfrage gewachsen und - man höre und staune - das USA-Programm sowie das bisherige Mini-Angebot Kanada wurden stark erweitert. "Zugegeben, der Katalog war so gut wie fertig als es zu den Angriffen vom 11. September kam", sagt Brigitt Wolber, die für das Produkt Nordamerika verantwortlich zeichnet. "Doch wir hätten an dem ganzen Programm ohnehin festgehalten."

Beim ersten Blick auf die Ziele rund ums Mittelmeer fällt auf: Die Alles-inklusive-Angebote haben noch einmal zugenommen. "Die Nachfrage ist einfach da", versichert Produktmanagerin Bettina Heinz. Der "Urlaub ohne Nebenkosten" werde in mehr als 200 von 1400 Hotels angeboten und 15 Prozent der Gäste bevorzugten diese Urlaubsform. In der Türkei ist der Anteil dieser Anlagen bereits auf 50 Prozent geklettert, heißt es. Ein Ende der Nachfrage sei nicht abzusehen, so Hübner. Vom Konkurrenten TUI war neulich zu hören, dass man künftig den Anteil der All-inclusive-Anlagen am Gesamtangebot bei etwa 25 Prozent ansiedelt.

Voller Stolz etwa verweisen die Neckermänner auf das nun eingeführte "Gütesiegel" mit "Geld-zurück-Garantie". Das kennt der Kunde zwar schon seit langer Zeit von TUI, aber nicht alles was von der Konkurrenz komme sei schlecht, sagten sich die Reisemacher in Oberursel. Also habe man sich entschlossen, diesen Kundenservice, der "auch bei Neckermann seit langem praktiziert wird", nun öffentlich zu machen. Also, tatsächlich Geschädigte und Nörgler aufgepasst, vom Sommer 2002 an gilt: "Stimmt die Unterkunft im Urlaubsziel nicht mit den Katalogangaben beziehungsweise den bestätigten Leistungen überein, behebt Neckermann diese Mängel binnen 24 Stunden. Ist das nicht möglich, kann der Urlauber mit dem nächsten Flugzeug zurück nach Deutschland fliegen und der Veranstalter erstattet den kompletten Reisepreis." So das Zitat aus einer Pressemitteilung, die mündliche Ausarbeitung geht dann schon eher ins Detail. Da heißt es dann bei Bettina Heinz zum Thema Qualitätsoffensive: "... mit einem unserer nächsten Flugzeuge" gehe es nach Hause. Und es kann bekanntlich in einigen Regionen bis zu einer Woche dauern, bis Condor oder SunExpress wieder einschweben.

Kombi-Knüller und Frühbucherrabatte, Sonnenparadiese und neue In-Zonen - die Katalog- und PR-Lyrik ist immer wieder spannend zu lesen. Allein, den Kunden interessieren auch Preise. Und: Reisen wird teurer. "Die Erhöhung der Preise ist im wesentlichen auf höhere Flugkosten zurück zu führen", so Detlef Altmann. Fernost, Ostafrika und die Karibik werden um durchschnittlich drei Prozent teurer, Kuba gar um sechs. Die Geheimtipps für Sparfüchse, Bulgarien und Kroatien, sollen sich um 7,5 beziehungsweise 8,5 Prozent verteuern. "Starke Nachfrage und begrenzte Kapazitäten in aufwändig renovierten Hotels bewirken so einen Anstieg", erläutert Altmann. Dass Ägypten für den Urlauber gar um neun Prozent günstiger wird, hängt mit der Umstellung auf den Euro zusammen. Wurden früher Hotelverträge auf Dollarbasis abgeschlossen, ist nun der Euro Trumpf, und weil ein Euro mit einem Dollar 1:1 gestellt wurde, kam eine erkleckliche Ersparnis heraus.

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