Zeitung Heute : Bischof Huber erinnert an einen dramatischen Tag

Der Tagesspiegel

Von Christian Domnitz

Die Predigt ist ungewöhnlich ernst. Es scheint, das Thema sei zur Chefsache erklärt worden. In der Marienkirche am Alexanderplatz spricht Bischof Wolfgang Huber, Chef der evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg. Er spricht über den elften September. Am Montag liegt der Tag, an dem die Türme des World Trade Center einstürzten, ein halbes Jahr zurück.

Und weil er schon ein halbes Jahr zurückliegt, spricht Huber mehr über das, was folgte und noch folgen wird. Ein Kriegsszenario zeichne sich ab für die Welt, sagt er. Eines, das über die Abwehr von Terror weit hinaus gehe.

Es ist schade, dass Klatschen oder Buhrufe im Gottesdienst unüblich sind. Vielleicht kommt es daher, dass dies dem Zuhörer bei manch anderen Predigten nicht in den Sinn kommt. Und ihm bestenfalls ein „Ja, ja...“ einfällt. Kein „Ja!“ und auch kein „Nein!“. Das Publikum also – meist kritisch dreinschauende Leute mittleren Alters – reckt nur die Köpfe zur Kanzel. Sie, die Leute mit der gerunzelten Stirn, sie würden nicht klatschen, sie würden auch nicht „Buh!“ rufen. Aber bewegend war die Predigt doch.

Die Art, wie er es sagt, hätte ein Politiker als „mit Nachdruck“ bezeichnet. „George Bush spricht die Sprache der Konfrontation“, sagt Huber vor den etwa zweihundert Kirchgängern, er pflege die Rhetorik eines Kreuzzugs. „Will er mit militärischen Mitteln eine neue Weltordnung schaffen?, fragt Huber. Zwei deutsche Soldaten seien nun in Afghanistan umgekommen – auch das Entschärfen eines Konflikts könne lebensgefährlich sein, sagt er, was vielen erst jetzt bewusst geworden sei. „Schärfe unser Gewissen, und öffne unsere Augen“, wird er später beten, „damit wir wissen, wo unsere Hilfe gebraucht wird.“

Sei nicht der Tod von 500 Taliban-Kämpfern, die – anstatt für ihre Schuld vor einem Gericht zu büßen – im Krieg getötet wurden, ebenso zu bedauern wie der der beiden deutschen Soldaten?

Gibt es überhaupt Anlass zu Triumph über die Niederlage der Taliban? Ist ein Sieg im Krieg nicht die Niederlage der Gerechtigkeit? Was ist böse?, fragt Huber, und wo ist es? Gibt es eine „Achse des Bösen“? Wer es nur beim anderen suche, sei nicht radikal genug. Jeder Mensch sollte die Fähigkeit haben zur Selbstkritik und auch zu einer Umkehr. Und das eigene Interesse solle stets ins Verhältnis gesetzt werden zur Würde und zur Selbstachtung der anderen. Not, Elend und Gewalt seien in unserer Umgebung und dort, wo wir nicht hinsehen, sagt Huber, wir möchten helfen, doch wir täten es oft nur halbherzig. Denn der Gedanke daran störe die Ruhe von uns, die wir unser Auskommen gefunden hätten. Es klingt so, als ob dies Huber nicht gefällt – herauszuhören ist aber auch, dass er dieses Gefühl möglicherweise von sich selbst kennt.

In der Marienkirche ist es ruhig. Sonne scheint durch die hohen Fenster. Eigentlich ist es keine andere Ruhe als sonst auch nach einem Gottesdienst.

In kleinen Runden werden Hände geschüttelt und private Neuigkeiten ausgetauscht. Doch mag es möglich sein, dass so mancher, dem allmählich das Interesse an der Weltpolitik abhanden kam, an diesem Sonntag einiges noch einmal von vorn überdenkt. „Gib uns die Kraft, Gewalt und Schrecken zu überwinden“, so lautete das Abschlussgebet.

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