Zeitung Heute : Bislang nur ein technologischer Trend

Telekooperationen sollen Reisekosten drücken und "virtuelle Unternehmen" schaffenEine Tagung über Telekooperation? Eigentlich ein Widerspruch in sich.Denn dazu müssen sich Menschen immer noch an einem Ort - vorzugsweise einem mondänen Hotel - physisch näherkommen.Keine Spur also von Telekooperation, der elektronisch vermittelten Zusammenarbeit über Distanzen.Doch das soll anders werden.Groupware-Programme, bei denen viele Hände an denselben Dokumenten werkeln, ISDN-Verbindungen sowie die Hard- und Software für Audio- oder Videokonferenzen könnten künftig die Kosten für Besprechungen, Dienstreisen und irgendwann wohl auch für den Tagungstourismus drücken.Gleich drei Konferenzen in Berlin setzten sich in dieser und der vergangenen Woche mit diesem technologischen Trend auseinander.
Konsens auf allen drei Veranstaltungen war, daß die Notwendigkeit von Telekooperationen in dem Maße zunimmt, in dem sich die Wirtschaft in immer kleinere, spezialisierte Firmen unterteilt, die flexibler auf den Markt reagieren können als die Industrie-Dinosaurier.Einer Studie des Massachusetts Institute of Technology (MIT) zufolge, wird im Jahr 2010 das durchschnittliche US-Unternehmen aus zehn Mitarbeitern bestehen.Vor allem in der EDV-Branche ist der Trend zu kleinen, beweglichen Einheiten schon heute zu beobachten.In der Region Berlin-Brandenburg hat über die Hälfte der Kommunikations- und Computer-Unternehmen weniger als sieben Mitarbeiter.Derart kleine Betriebe müssen sich auf eine Schlüsselkompetenz konzentrieren, um bestehen zu können.Da potentielle Auftraggeber aber immer weniger an einzelnen Produkten als an umfassenden Lösungen interessiert sind, wären diese Firmen bei der Abwicklung großer Aufträge überfordert.Den Ausweg sehen Experten in "virtuellen Unternehmen", das heißt Zusammenschlüssen kleiner Firmen für die Abwicklung eines Auftrages.
Deren Kooperation soll sich kostengünstig auf der Datenbahn abspielen.Aber: "Noch werden die Möglichkeiten der Telekooperation in der Region nur wenig genutzt", sagt Dominik Zimmermann von der Gesellschaft zur Förderung der mittelständischen Software-Industrie in Berlin und Brandenburg (SIBB).Die SIBB will das ändern: "Wir stellen kleinen Firmen die Infrastruktur für Telekooperation zur Verfügung." Zu diesem Zweck wurde im Oktober vergangenen Jahres das "Virtuelle Softwarehaus" gegründet.Bis Ende 1997 soll es einsatzbereit sein, ab Juli ein Probelauf beginnen.Bislang ist allerdings noch wenig Konkretes dabei herausgekommen: Fragen von Konferenzteilnehmern zur Zahl am Projekt interessierter Firmen und deren voraussichtlichen Kosten und Nutzen mußten unbeantwortet bleiben.David Coleman vom US-Consultant "Collaborative Strategies" verwies aber darauf, daß ähnliches auch in den USA Schule macht.Dort legten Finanziers, die innovative Firmen mit Wagniskapital unterstützen, Telekooperations-Projekte für die von ihnen betreuten Firmen auf.
An den technischen Voraussetzungen kann die hiesige Zurückhaltung jedenfalls nicht liegen: Mittlerweile gibt es Coleman zufolge gut 1000 Groupware-Produkte, was manchen überrascht, der gerade einmal Lotus Notes kennt.Bei Videokonferenzen scheint die Technologie jedoch noch nicht ganz ausgereift.Ulrich Pesch, der für sein Magazin "Teleworx" fünf Anbieter testete, mußte einräumen, daß sein weitgehend via Telekooperation erstelltes Blatt selbst kaum Videokonferenzen veranstaltet.Grund: Die hauseigene Anlage funktioniert nicht richtig.

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