Zeitung Heute : Bissige Brillanz

ECKART SCHWINGER

Die Philharmoniker mit Bernd Alois Zimmermanns ViolinkonzertECKART SCHWINGERDer Auftakt zu diesem Festwochenkonzert mit Mozarts A-Dur-Symphonie (KV 201) fiel musikalisch nur herkömmlich schön aus.Da gelang es Daniel Barenboim und dem Berliner Philharmonischen Orchester kaum einmal, aus der kühnen Partitur des jungen "Stürmers und Drängers" Funken zündenden Geistes zu schlagen. Doch halt, am Ende des Andante riß uns ein blitzartig dreinfahrendes Oboen-Solo von Albrecht Mayer doch noch vom Sitz.Ein Götterfunke aus der hinteren Reihe! An denen mangelte es schließlich bei der zum Schluß gespielten C-Dur-Symphonie Nr.2 von Robert Schumann dann nicht mehr.Da nahm Barenboims Interpretationsstil kreative Formen an. Nun stieg Barenboim beinahe bilderstürmerisch auf die Barrikaden, und bisweilen schien es so, als würde bei diesem Schumann schon mal die Schallmauer durchbrochen.Die mächtigen dynamischen Aufschwünge im superbrillant gespielten Scherzo, der leidenschaftliche Vorwärtsdrang und der fortwährend heftig anschwellende Musizierfluß im Finale machten Eindruck.Etwas stilistischen Wildwuchs, den sich bei diesem Schumann Christoph Eschenbach kürzlich am Pult der Staatskapelle schenkte, muß man bei Barenboim dabei freilich in Kauf nehmen.Aber es gab ja auch noch das wundersame Adagio expressivo mit traumhaft feinen Gesangs-"Szenen". Während sich die Philharmoniker hierbei als musizierende Himmelsstürmer par excellence präsentierten, erwies sich Thomas Zehetmair bei Bernd Alois Zimmermanns Violinkonzert (1949/50) als ein einhellig bejubelter Teufelsgeiger schlechthin. Beinahe bis zur physischen Erschöpfung kniete er sich förmlich in dieses faszinierend vielschichtige, infernalische und auch wiederum so geheimnisvoll stille und zart schimmernde Violinkonzert des großen Außenseiters der neuen Musik hinein.Nicht zuletzt lotete Zehtmair immerzu mit einer fast vibratolosen, schroffen Expressivität und wild attackierenden Intensität die so aggressiven wie beängstigend dunklen Seiten dieses Werkes aus. Auf so widerstreitende wie meditiative Weise bringt es wenige Jahre nach dem faschistischen Krieg Gefühle der Angst, der Trauer, aber auch der Zuversicht zum Ausdruck, bindet es bereits in Bernd Alois Zimmermanns typischer pluralistischer und angriffsfreudiger Art Elemente des Strawinskyschen Neoklassizismus, der Sequenz des Dies irae, des Jazz, der Zwölftonmusik nahtlos aneinander.Die hierbei unter Barenboim nicht minder ambitioniert agierenden Philharmoniker rissen das ungeheuerliche Ausdrucksspektrum dieser Bernd Alois Zimmermann-Partitur mit ebenso bissiger Brillanz auf wie Zehetmair seinen beunruhigenden Solopart. 

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