Zeitung Heute : Bist du die Nachtigall?

CARLA RHODE

Die Zeiten schwerfälliger, werktreuer Klassikadaptionen für das Kino scheinen endgültig vorbei zu sein.Den beiden modernen Versionen von Shakespeares "Richard III." von Al Pacino und Richard Loncraine folgte im Wettbewerb der Berlinale 1997 Baz Luhrmans radikal aktualisierender "Romeo und Julia"-Film und nun, zwei Jahre später, derselbe Stoff in einer cleveren Komödien-Fassung, für deren Drehbuch Tom Stoppard ("Rosenkrantz und Güldenstern sind tot") mitverantwortlich ist.Regie führt John Madden.Nach seiner oscargekrönten "Mrs.Brown", der Story über Queen Victorias Freundschaft mit einem Diener läßt er sich wieder mit spürbarer Lust auf einen historischen Stoff ein.Dreizehn Oscar-Nominierungen hat ihm diese unterhaltsame, intelligent erfundene Legende aus dem geheimnisumwobenen Leben des großen englischen Dramatikers eingebracht - ein Glanz, der nun auf die Berlinale abstrahlt.

Auf den ersten Blick scheint Maddens Inszenierung ein Rückschritt in die Zeiten naturalistischen Nachstellens einer längst vergangenen Welt zu sein.Das elizabethanische London mit seinem dynamischen Menschengewoge in den engen, schmutzigen Straßen platzt vor geschäftigem, buntem Treiben schier aus allen Nähten.Zuviel Action, zuviele Statisten zuviel Gemüsemarkt und Pferdewagenverkehr.Sobald sich aber aus diesem aufdringlichen Hintergrund die wirklich bezaubernde Geschichte um ein Nachwuchstalent der Londoner Theaterszene namens Will Shakespeare (Joseph Fiennes) herausschält, ist aller Widerstand gebrochen, der Film fängt uns ein und hält uns fest bis zum letzten Bild.

Dreitagebart, unausgeschlafener Blick - Will ist unübersehbar in einer Krise.Mit seinem neuen Drama "Romeo und Ethel, die Piratentochter", oder so ähnlich, kommt er einfach nicht weiter, das junge Genie hat eine Schreibhemmung.Da gibt das Leben der Kunst den entscheidenden Kick.Will wird in eine Lovestory verwickelt, die die Blockade aufhebt und das ursprüngliche Konzept umkrempelt und, ähnlich wie es der Autor nun selbst durchliebt und durchleidet, den "Romeo und Julia"-Stoff entstehen läßt, wie wir ihn kennen, lieben und auch in diesem komödiantisch verfremdeten Ambiente gerne akzeptieren.John Fiennes spielt Young Shakespeare als eitlen Beau, umgeben von einer Fangemeinde wie ein Popstar.Ruhelos läßt er sich durch die Szene treiben, intrigiert und jongliert zwischen den konkurrierenden Theaterprinzipalen.Doch ist er immerhin selbstkritisch genug, seinen Hauptrivalen Christopher Marlowe (Rupert Everett) als den Größeren anzuerkennen.Doch den wird er ja bekanntlich bald los.

Shakespeares Muse wird Lady Viola.Gwyneth Paltrow, Jane Austens schelmische "Emma" in der Verfilmung von Dough McGrath.Ihre knabenhaft-anmutige Erscheinung ermöglicht ihr den höchst vergnüglichen Wechsel zwischen der Rolle der streng behüteten, in den goldenen Käfig eines Palastes gesperrten Lady und der eines unternehmungslustigen jungen Mannes, der sich in Shakespeares Theatertruppe einschleicht.Denn Viola ist vom Theater besessen, sie will Schauspielerin werden, hat aber als Frau im London von 1593 auf der Bühne nichts zu suchen.Verkleidet und mit einem Schnurrbart im spitzbübischen Gesicht wird sie dort beifällig aufgenommen, allerdings auch bald enttarnt.Trotzdem darf sie bleiben und mit dem nun vor Kreativität berstenden Dichter eine leidenschaftliche Romanze erleben.Bis ihr durch Violas Heirat mit einem eingebildeten Adligen (Colin Firth) ein schmerzliches Ende gesetzt wird.

Für John Maddens heiter-elegante Inszenierung hat die Topdesignerin Sandy Powell ("Orlando") prunkvolle, surreal-üppige Kostüme entworfen.Nicht unwesentlich trägt die phantasievolle, die historischen Vorbilder ironisch übertreibende Pracht zur unbefangen frischen Atmosphäre des Films bei.

Heute 20 Uhr (Zoo-Palast), morgen 12 Uhr (Royal-Palast), 20 Uhr (International)

und 23.30 Uhr (Urania)

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