Zeitung Heute : Bitte Nachsitzen

Brandenburg erreicht auch bei Iglu nur einen hinteren Platz. Woran es liegen könnte und was dagegen getan werden kann

Susanne Vieth-Entus

Was ist denn nur in Brandenburg los? Im innerdeutschen Grundschul-Vergleich bleibt Brandenburg dort, wo es auch bei Pisa gelandet war: auf den hinteren Plätzen. Nur die Bremer Kinder lesen schlechter. Der Anteil der Kinder, die maximal die unterste von vier Kompezentstufen erreichen, liegt bei 14,2 Prozent und damit fast doppelt so hoch wie beim Spitzenreiter Baden-Württemberg. Diese Kinder werden vom Leiter der Iglu-Studie, Wilfried Bos, als „sehr ernste Risikogruppe“ eingeschätzt. Entsprechend ist auch der Befund bei den sehr guten Lesern: Zu dieser Gruppe gehören in Brandenburg nur 13,9 Prozent, in Deutschland insgesamt aber 18,1 Prozent. Fast 21 Prozent der brandenburgischen Viertklässler sagen, dass sie „nie zum Spaß lesen“. Auch dies ist ein negatives Spitzenergebnis, denn deutschlandweit liegt diese Gruppe bei 18 Prozent.

Das brandenburgische Bildungsministerium sieht drei Hauptgründe für das schlechte Abschneiden seiner Schüler: Die Abwanderung qualifizierter Kräfte und ihrer Familien in andere Bundesländer, den Zusammenbruch des „Unterstützersystems Familie“ insbesondere in wirtschaftlich schwachen Regionen und den dramatischen Schülerrückgang.

Der Schülerrückgang hat nach Bildungsstaatssekretär Martin Gorhold (SPD) dazu geführt, dass in den vergangenen Jahren, die für Iglu relevant waren, jede dritte Grundschule schließen musste. Dies habe nach sich gezogen, dass intakte Kollegien zerbrachen, Schulklassen auseinander gerissen und Lehrkräfte „hin- und herversetzt wurden“. Eine Teamarbeit sei damit in vielen Schulen kaum noch möglich gewesen. Das Ministerium setzt nun auf die begonnene Schulreform mit der flexiblen Eingangsstufe in den Grundschulen. Außerdem erhofft man sich bessere Ergebnisse, sobald die neuen Bildungsstandards greifen. Zudem sollen die Kitas einen Beitrag dazu leisten, dass die Grundschulen bessere Ergebnisse erzielen, indem sie künftig Kinder, die „Sprachauffälligkeiten“ zeigen, gezielter fördern.

Alarmierend ist, dass die Kitas ihre Aufgabe als vorschulische Einrichtung offenbar bisher noch nicht erfüllen. Denn mit 89 Prozent besuchen in Brandenburg mehr Kinder als in jedem anderen Bundesland über zwei Jahre lang eine Kita, ohne dass sich dies auf das Abschneiden bei Iglu positiv auswirkte.

Die Verfasser der Iglu-Studie weisen aber noch auf eine weitere mögliche Ursache für das schlechte Abscheiden der Brandenburger hin: Sie haben wesentlich weniger Unterricht als die Schüler aller anderen untersuchten Bundesländer. Dies bedeutet, dass ihnen am Ende der vierten Klasse von der Anzahl der Unterrichtsstunden her ein Dreiviertel-Schuljahr fehlt. Außerdem berichten die Wissenschaftler, dass die brandenburgischen Lehrer zwar besonders gern gute Leistungen ihrer Schulen hervorheben. Das Schulversagen eines Schülers aber werde „selten als Problem des Lehrers oder der Schule betrachtet“. Letzteres habe Brandenburg aber mit allen Bundesländern gemeinsam.

Zu den mathematisch-naturwissenschaftlichen Leistungen der brandenburgischen Schüler sagt Iglu nichts aus, da sie an diesen Tests nicht teilgenommen haben.

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