Zeitung Heute : Bitte nicht baden!

Wie eine Neu-Berlinerin diese Stadt erleben kann

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Noch am vorletzten Wochenende war es so, dass ich einfach nur da saß, in der Vormittagssonne auf einer Bank am schönen Kreuzberger Urbanhafen, als mein Mobiltelefon klingelte und eine freundliche Stimme fragte, ob ich mit an den See fahren wolle. Nein danke, sagte ich.

Das reichte als Antwort nicht, das Wetter sei doch so schön, insistierte der Anrufer, das Wasser ganz warm, der See ganz klar, ein Ausflug ganz toll, der Sommer ohnehin fast zu Ende, ein letztes Mal an den See, na los doch, und so weiter und so fort, bis ich mir ganz elend vorkam. Aber ich wollte nicht. Ich habe dieses An-den-See-fahren nie ausstehen können. Da muss man dann im Rasen liegen, unheimliche Wespen und Hummeln brummen um einen herum, da sind Myriaden von Mücken, das Wasser ist zwar warm, aber nur am Ufer, später wird der See tief und stockdunkel, und Seerosen berühren einen am Fuß, dass man denkt, es wäre ein Fischungeheuer, von Pontons springen kreischende Kinder ins Wasser, dass man Angst um sie und sich selbst haben muss, und im grünen Licht, das von den Bäumen reflektiert wird, sieht man immer ganz käsig aus.

Genug Gründe eigentlich, nicht an den See zu fahren. Aber damit stehe ich in Berlin ziemlich allein da. Sogar ein befreundeter italienischer Pizzabäcker sagte unlängst, er wolle an seinem freien Tag an den See fahren. Der Pizzabäcker kommt aus Sardinien. Einer Mittelmeerinsel! Ich selbst bin mein halbes Leben lang Sommer um Sommer zur Omi an die Nordsee gefahren. Wellen, Sand, Gezeiten, Schiffe, Krebse, Horizonte, Salzwasser, Wattwürmer, das ist Badespaß, bitte sehr. Am Ende rettete ich mich mit dieser sozusagen kulturellen Unpässlichkeit vor der Ausflugsverpflichtung.

Das einzige halbwegs so benennbare „Badevergnügen“ in Berlin bietet das Strandbad Wannsee. Von fehlender horizontaler Weite und nie gesichteten Krebsen mal abgesehen, ist es da fast so schön wie an der Nordsee. Es gibt Sand und Strandkörbe, für die sich die Menschen lange anstellen, eine Art Promenade, mit dunklen, kühlen Läden, in denen man Sonnencreme, Luftmatratzen, minderwertige Schnorchel und alberne Muscheldöschen kaufen kann, und Imbissbuden mit Wurst, Cola und Eis. Erstaunlicherweise will da nie jemand hin. Es muss da irgendeinen Dünkel geben. Vielleicht ist es nicht wild und urwüchsig genug mit den Duschen und Umkleidekabine und Toiletten und so.

Aber das alles ist ja bald vorbei. Wenn der Herbst kommt. Vielleicht ruft ja dann mal jemand an und fragt, ob ich mit an den See fahre. Im Herbst sind Ausflüge an den See toll. Da schwimmt heruntergefallenes Laub auf dem stillen Wasser, vom Boden steigt Nebel auf, es riecht nach Holz und Pilzen, ganz wunderbar. Man geht bei klarer, kühler Luft spazieren, einmal um den See herum zum Beispiel. Ein Plan, der bei der Nordsee überhaupt keinen Sinn machen würde. Ariane Bemmer

Seen rund um Berlin findet man auf der Landkarte. Wo man schön baden kann, weiß ich nicht. Das Strandbad Wannsee (S-Bahnhof Nicolassee) bleibt noch bis zum 29. September geöffnet. Öffnungszeiten täglich von 10 bis 19 Uhr.

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