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ARD und ZDF wollen mehr Geld und mehr Quote, die Zuschauer mehr Qualität. Aber Qualität und Quote kommen nicht immer zusammen. Die Annäherung der öffentlich-rechtlichen Sender an die privaten geht vielen Kritikern zu weit. Sie fordern eine Rückbesinnung.

Joachim Huber

Am 17. Dezember 2004 hat Gabi Bauer ihre gleichnamige ARD-Talkshow aufgegeben. Wesentliches Argument für Bauers Resignation war, dass die Sendung „nicht die nötige Zuschauerresonanz gefunden hat“. Die Sendung lief am Mittwoch um 23 Uhr, und selbst um diese Nachtzeit arbeitet der öffentlich-rechtliche Quoten-Seismograph. Die ARD wie auch das ZDF sind von dem Wahn geplagt, sie hätten die Gebühren, die zum 1. Januar 2005 auf monatlich 17,24 Euro steigen sollen, nur dann sicher, wenn sie bei dem mit der privaten Konkurrenz veranstalteten Quotenrennen aufs Treppchen kommen. Allein der Erfolg in der Konkurrenz sichere Bestand und Entwicklung.

Der Auftrag zur möglichst großen Zuschauerzahl bei den öffentlich-rechtlichen Programmen ist nirgendwo auf- und festgeschrieben. Der Auftrag ist selbst gestellt, und er folgt aus dem Wettbewerb mit RTL & Co. Die Schnittmengen sind groß: Es wird um die dieselben Sportrechte – Bundesliga – gehandelt, es werden die aktuellen und die ausgeschiedenen Stars des privaten Fernsehens – Jörg Pilawa und Margarethe Schreinemakers – engagiert, es wird mit „Sabine Christiansen“ kopiert, was mit „Talk im Turm“ bei den Privaten Furore gemacht hatte. Läuft bei RTL die Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“, dann blamiert sich das Zweite mit seiner Suche nach der deutschen Stimme. Und für die Becker-Festspiele macht sich Johannes B. Kerner zum Kartenabreißer.

Dabei hätten ARD und ZDF einen anderen Auftrag als die Systemkonkurrenz: Der Auftrag ist mit dem Begriff der „Grundversorgung“ betitelt und in den Kapiteln „Bildung, Information, Unterhaltung“ zur Aufgabe gemacht. Wie die öffentlich-rechtlichen Sender sie wahrnehmen, steht in ihrer vom Bundesverfassungsgericht verbürgten und mit den Gebühren abgesicherten Autonomie.

Was immer mehr Zuschauer ärgert, ist dreierlei: die Austauschbarkeit öffentlichrechtlicher und privater Programme, die Massierung so genannter Minderheiten-Programme an die Ränder eines Sendetages, die Auslagerung von Zuschauergruppen in Spartenkanäle. Wer an einem Werktag um 17 Uhr 10 das Erste einschaltet, der bekommt mit „Brisant“ die aktuellsten Promi-Sausen der Republik serviert, gewollt-ungewollte Wiederholung in „Leute heute“ im ZDF. Dieselben Leute, Themen und Feten werden nur wenig später durch die People-Magazine der privaten Programme gejagt.

Prima Idee

ARD-Programmdirektor Günter Struve hielt es für eine prima Idee, die Kulturmagazine im Ersten auf 23 Uhr am Sonntag zu schieben. Argument: Die Zuschauer werden schon mitmachen, und die paar Proteste hält die ARD schon aus. Was sollen die Zuschauer denn auch machen? „Aspekte“ im Zweiten einschalten? „Aspekte“ startet um 22 Uhr 30 – das ZDF, da muss man ganz ehrlich sein, macht sich offenkundig immer noch größere Sorgen um die Qualität seines Angebots.

ARD und ZDF haben in den letzten Jahren mit hunderten von Gebühren-Millionen den Kinderkanal, den Ereignis- und Dokumentationskanal Phoenix, den europäischen Kulturkanal Arte oder den Bildungskanal BR Alpha gegründet. Betrachtet man die Aufteilung der Gebühren für die öffentlich-rechtlichen Hauptprogramme und die programmlichen Side-steps, dann ist offenbar, dass der Ehrgeiz, die Anstrengung und die finanziellen Mittel in die Kanäle fließen, die mit den privaten Sendern konkurrieren sollen. Es ist mehr als ein Gerücht, dass „Die Sendung mit der Maus“ sich nur deshalb im ARD-Programm am Sonntag hält, weil die meisten ARD-Intendanten mittlerweile Opas sind und mit den Enkeln die „Maus“ sehen wollen, die im Kinderkanal zu finden sie nicht in der Lage sind.

Wer kann ARD und ZDF auf den öffentlich-rechtlichen Weg zurückführen? Der Gebührenzahler kann es nicht: Er hat keine Chance, seine Gebühren bezahlt er nicht für die Nutzung bestimmter Programme, sondern dafür, dass er „ein Rundfunkempfangsgerät zum Empfang bereithält“. Die Sachverständigenkommission KEF, die alle vier Jahre die Gebührenhöhe neu bemisst, kann es auch nicht, weil sie nur den Finanzbedarf von ARD und ZDF prüft. Ernsthaft können es nur die Ministerpräsidenten, die am Ende die Gebührenhöhe bestimmen. Nicht, dass die Länderchefs sich zu Programmdirektoren aufschwingen sollen. Das wäre fatal und ein böser Streich gegen den staatsfern organisierten Rundfunk. Was freilich Not tut: ARD und ZDF den Quotenwahn austreiben, sie erlösen vom falschen Ehrgeiz, alles machen zu müssen, was Fernsehen ausmacht. Foto: Caro

Ein Diskussionsforum zum Thema Rundfunkgebühren finden Sie im Internet unter: www. tagesspiegel.de/GEZ

Marktanteil in der Zeit zwischen

20 und 23 Uhr machten RTL im Jahr 2002 zum Marktführer.

der Sendezeit macht

bei den Sendern ARD und ZDF

die Werbung aus.

der ARD-Sendungen waren

im Jahr 2002

Wiederholungen.

der Rundfunkgebühren

werden ins Fernsehprogramm

investiert.

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