Zeitung Heute : Blankgeputzt

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Zur Eröffnung des Peter-Huchel-Hauses als neue der BegegnungdvtDas zu Zeiten des Dichters dunkle Gelb des Hauses ist modischem Zartgelb gewichen, der morbide Charme des Zerschlissenen einer blankgeputzten Leere.Die Kulturstiftung der Deutschen Bank machte es möglich.Brandenburg und der Bund gaben das ihre, Siemens die elektrischen Anlagen.So konnte am 3.Oktober im Wilhelmshorster Hubertusweg 41 das Peter-Huchel-Haus als Ort der literarischen Kommunikation eröffnet werden.Hier amtierte der Dichter von 1954 bis 1962 als Chefredakteur der Zeitschrift "Sinn und Form", bis er zum Rücktritt gezwungen wurde; hier lebte er fast ein weiteres Jahrzehnt unter Stasi-Bewachung.Von den Freunden, die ihn damals besuchten, waren etliche gekommen.Der Polonist Henryk Bereska trauerte den 20 Katzen nach, die damals durch den Garten schnurrten, Uwe Grüning vermißte neben der Terrasse die üppige Waldflora.Reiner Kunze las außer anderen, durch Huchel angeregte Texte, dessen "Mittag" und "Exil" Das Glanzlicht setzte der Lyriker Ludvig Kundera, Huchels Übersetzer ins Tschechische.Seine Erinnerungen holten die melodiöse Naturmagie der Gedichte in den Raum, "Oktoberlicht" und "Sibylle des Sommers", auch die bittere Zeichenhaftigkeit der Feme-Zeit.Das Ludvig-Kundera-Institut zur Verbreitung der tschechischen Literatur in Deutschland wird künftig seinen Sitz im 2.Stock des Hauseshaben - neben der hier ebenfalls einziehenden Redaktion der Literaturzeitschrift "moosbrand" und der Geschäftsstelle des Projekts "Märkische Dichterlandschaft".Dafür mußte die Kammer, in der einst Wolf Biermann seine "Ermutigung" sang, abgerissen werden.Der 1.Stock harrt künftiger Huchel-Stipendiaten; im Erdgeschoß präsentiert Lutz Seiler, Leiter des Huchel-Hauses, das Redaktionszimmer mit aus einem Gemüseschuppen vor dem Verschimmeln geretteten Sinn-und-Form Exemplaren.Im Veranstaltungsraum wird die 1996 in Potsdam gezeigte Ausstellung des Brandenburger Literaturbüros zu Leben und Werk Peter Huchels an Wochenenden offen stehen, ab November mit Führungen.Geplant ist - neben Lesungen - eine Ausstellung mit den Huchel-Fotos des Stiefsohnes Roger Melis und eine mit künstlerischen Arbeiten zu Gedichten.Der literarische Nachlaß befindet sich nach wie vor in Marbach.Bleibt zu wünschen, daß in Wilhelmshorst nicht nur ál la Heimatmuseum die Bibel zu besichtigen ist, in der Huchel las, sondern das Maß eines deutschen Lyrikers von Rang im Kontext der Moderne bedacht wird.

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