Zeitung Heute : Blaues Feuer, blaue Limonade

SEBASTIAN GÜNTHER

Ein deutscher Romantiker entdeckt die große Grotte bei CapriVON SEBASTIAN GÜNTHER

August Kopisch: Die Entdeckung der Blauen Grotte auf der Insel Capri.Herausgegeben und mit einem Nachwort von Dieter Richter.Wagenbach-Verlag.Berlin 1997.122 Seiten mit zahlreichen Abbildungen.24,80 DM.

"O sole mio" und die "Caprifischer" singen die Caprifischer, die längst keine mehr sind, wenn sie in kleinen Booten ihren touristischen Fang an den Ort seiner Sehnsucht steuern: die Blaue Grotte.Bevor sie in die von Blitzlichtgewitter und Stimmengewirr erfüllte Höhle einfahren, stauen sich die Boote vor der engen Öffnung.Wem die Wartezeit dabei lang wird, dessen Blick mag auf die Tafel über dem Eingang fallen, die an den Entdecker der Grotte erinnert: August Kopisch.Vor mehr als 170 Jahren hat der Romantiker das achte Weltwunder des Tourismus erschlossen.Fast ebenso lange ist es her, daß seine Erzählung von der "Entdeckung der blauen Grotte auf der Insel Capri" gedruckt wurde.Jetzt liegt sie im Wagenbach-Verlag wieder vor.

Ein literarisches Ereignis ist das nicht.August Kopisch war zwar doppelt begabt, als Dichter und als Landschaftsmaler.Über das Mittelmaß gelangte er jedoch in beiden Fällen selten hinaus.Heute kennt man ihn höchstens noch als Verfasser der "Heinzelmännchen".In der Erzählung über seine Entdeckung der Blauen Grotte zeigt er sich als ein Autor, der die Klischees liebt: ein kühner, "aufgeklärter" Dichter aus dem Norden setzt sich über den klerikalen Aberglauben der Südländer hinweg und schwimmt in die "Teufelshöhle".Dort findet er keine Kunstschätze aus der Zeit des Tiberius, die er hinter den "gräßlichen Götzenbildern" aus den Spukgeschichten vermutet hatte, sondern eine unvergleichliche Naturschönheit.Durch die submarine Beleuchtung erstrahlt das Wasser der Grotte in der Lieblingsfarbe der Romantik: Blau.Aus der "Grotta Grandola" wird die "Grotta Azzura".

Als Kopisch mit dem befreundeten Maler Ernst Fries 1826 auf Capri landete, lag das "Eiland des Tiberius" noch abseits der Grand Tour der Bildungsreisenden.Von Sueton und Tacitus sind aus der Herrschaft des tyrannischen Kaisers nur Greuelgeschichten überliefert, die in das klassische Bild von südlicher Heiterkeit nicht passen wollen.Auf den Schauerromantiker Kopisch wirkte ihre populäre Verballhornung zu Geschichten von Teufeln und Elementargeistern anziehend.Aus der primitiven Vorstellung einer belebten, schrecklichen Natur, die dem Menschen feindlich gegenübersteht, wird lediglich das Wörtchen "schrecklich" gestrichen.Bald nach ihrer Entdeckung avanciert die Blaue Grotte zu einer Hauptattraktion für Italienreisende: Das Naturschöne läuft dem Kunstschönen den Rang ab.In diesem Sinne ist die Entdeckung ein kulturgeschichtliches Ereignis.Es bezeichnet den Übergang von der Klassik zur Romantik.

Daher macht es auch Sinn, daß die kurze Erzählung von einem Kulturwissenschaftler herausgegeben wird.Dieter Richters nahezu gleichlanger Essay zur Geschichte der Blauen Grotte ist streckenweise amüsanter zu lesen als die Erzählung von Kopisch.Er zieht eine Verbindung bis zur Moderne, von Wilhelm Waiblingers Beschreibung der Grotte als "süßem, blauem Feuer" bis zu Brechts Fluch auf die "blaue Limonade".Dabei zeigt Richter vor allem eins: daß jede Erfüllung der Sehnsucht immer auch deren Ende bedeutet.

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