Zeitung Heute : Bleibende Schäden

US-Piloten bombardierten 2003 ein Viertel in Bagdad. Die genaue Rolle des BND ist unklar – zumindest gab er militärische Hinweise

Frank Jansen

Der Einsatz zweier BND-Mitarbeiter während des Irakkriegs war der rot-grünen Regierung bekannt. Die Männer hätten nur über nicht zu bombardierende Ziele berichtet, heißt es. Wie hat der BND wirklich in Bagdad gearbeitet?


Dichter Rauch hängt über Bagdad, amerikanische Truppen dringen in die irakische Hauptstadt ein. Es ist der 7. April 2003, Saddam Hussein hat den Krieg verloren, doch kapitulieren will er nicht. Die Gefahr einer Gefangennahme nimmt allerdings stündlich zu. US-Panzer stoßen schon in die Stadtmitte vor, der Hauptpalast des Diktators wird besetzt. Unterdessen rauscht eine Kolonne schwarzer Mercedes-Limousinen durch das westliche Viertel mit dem Namen Mansur, das die Amerikaner noch nicht erreicht haben. Es ist Montagmittag, gegen 14 Uhr.

Da geht weit entfernt, im US-Militärkommando im Scheichtum Katar, die Nachricht ein, Saddam Hussein treffe sich gerade in einem Restaurant in Mansur mit seinen Söhnen Udai und Kusai. Die Amerikaner sind elektrisiert: Jetzt haben sie die Chance, nach einem Fehlschlag zu Beginn des Krieges doch noch den Diktator mit einem gezielten Luftangriff auszuschalten. Die Besatzung eines B-1-Bombers erhält den Befehl zum Angriff. Etwa um 15 Uhr wirft die Maschine vier 1000-Kilo-Bomben auf Mansur ab. Das Restaurant und drei angrenzende Häuser werden zerstört, zwölf Menschen sterben. Saddam und seine Söhne sind nicht darunter. Der Angriff ging daneben. Auf Kosten unschuldiger Iraker.

Ist der BND für das blutige Desaster mitverantwortlich? Ein ehemaliger Mitarbeiter des US-Verteidigungsministeriums behauptet jetzt, nach dem Hinweis auf einen möglichen Aufenthalt Saddams in Mansur habe sich der amerikanische Militärgeheimdienst DIA (Defense Intelligence Agency) über seine Dienststelle in Stuttgart an die BND-Zentrale in Pullach gewandt. Mit der Bitte um rasche Hilfe. Die angeblich auch gewährt wurde: Einer der beiden BND-Männer, die in Bagdad ausharrten, sei in einem gepanzerten Wagen nach Mansur gefahren, habe die Mercedes-Kolonne gesichtet und seine Informationen weitergegeben. Demnach klinkte kurz danach das B-1-Kampfflugzeug, das schon über dem Stadtteil kreiste, seine bunkerbrechenden Bomben aus.

Der BND dementiert energisch. Ein Sprecher sagt, diese Geschichte sei „Kino“. Andere Sicherheitsexperten sind vorsichtiger. Aus ihren Äußerungen und Andeutungen setzt sich eine Variante zusammen, die den BND nicht aus der Verantwortung entlässt. Demnach haben die beiden deutschen Nachrichtendienstler zumindest den Amerikanern militärische Ziele genannt. Zum Beispiel die Position von Saddams Panzern in Bagdad. Und dass ein deutscher Nachrichtendienstler nach Mansur gefahren sei, „um zu gucken, was denn da ist“, wird nicht ausgeschlossen. Die Variante lautet: Der Mann habe zwar die Mercedes-Kolonne gesehen, aber Saddam nicht. Der BNDler fuhr zurück und meldete seine Erkenntnisse – wenn es so war, aus der französischen Botschaft heraus, in der die beiden Deutschen untergekommen waren. Womit sich auch die Frage stellt, was Frankreich, das wie die Bundesrepublik die Teilnahme am Irakkrieg verweigerte, zum Gelingen der US-Invasion beigetragen haben könnte. Jedenfalls ließen die Amerikaner, vorausgesetzt diese Variante stimmt, nach der Meldung des BND-Mannes Bomben fallen – auf den Verdacht hin, wo sich in der letzten Kriegsphase in Bagdad Limousinen sammeln, ist Saddam nahe.

Was waren das für BND-Männer, die sich dem Krieg in Bagdad und damit einem lebensgefährlichen Risiko aussetzten? „Die beiden sind eher Buchhaltertypen“, heißt es in Sicherheitskreisen. Es handelte sich um Freiwillige, dienstverpflichten kann der BND seine Leute zu einem Himmelfahrtskommando nicht. Für solche Jobs werden ledige, kinderlose Männer gefragt. „Das schränkt die Auswahl ein“, sagt ein Experte, „man kriegt dann nicht immer einen, der cool-blooded ist“. Notwendig ist allerdings eine Ausbildung im Umgang mit Waffen und in Selbstverteidigung.

Hatte der BND also zwei „Buchhalter“ mit lange unterdrücktem Rambo-Ehrgeiz in Bagdad belassen? Die den Amerikanern nicht nur am 7. April 2003 zu Diensten waren, sondern den ganzen Krieg über? Immerhin wurde zumindest der BND-Mann, der möglicherweise nach Mansur gefahren war, mit einem US-Orden ausgezeichnet. Aus dem Umfeld des BND heißt es, der Beamte habe das Ehrenzeichen erhalten, weil er mit seinen Informationen die US-Luftwaffe davor bewahrt habe, die Botschaft eines neutralen Staates aus der Region zu bombardieren. Andere Experten halten diese Erklärung für wenig glaubwürdig. „Die Amerikaner verteilen nicht einfach Orden an Ausländer“, sagt ein Experte. Und 2003 erst recht nicht an eine Person aus einem Land, dass beim Irakkrieg abseits stand und den USA, nach ihrem Verständnis, in den Rücken gefallen war. Wenn trotzdem ein Deutscher und dann noch für den Einsatz im Irak ein amerikanisches Ehrenzeichen erhalten habe, müsse der Mann wertvolle Leistungen für die kriegführenden Vereinigten Staaten erbracht haben.

Dass nun aber ein früherer Pentagon- Mann mit seinen Äußerungen dem BND zu schaffen macht, erregt in Sicherheitskreisen Wut. „Es ist unglaublich, was dieser Amerikaner treibt“, sagt ein Experte. Ob der einstige Pentagon-Insider fabuliert hat oder eine für den BND unangenehme Wahrheit in Umlauf brachte, wird vermutlich ein Untersuchungsausschuss des Bundestags recherchieren. Die Grünen haben sich am Freitag nach FDP und Linkspartei zu der Einsicht durchgerungen, ein solches Gremium sei nötig. Auch wenn Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), 2003 als Chef des Kanzleramtes verantwortlich für den BND, am Freitag den Verdacht gegen den Geheimdienst als „schizophren“ abtat. Unklar bleibt, welche Details der Ex-BND-Chef und heutige Staatssekretär im Bundesinnenministerium, August Hanning, am Freitag dem zur Geheimhaltung verpflichteten Parlamentarischen Kontrollgremium gesagt hat. Zum Gespräch mit dem Tagesspiegel war Hanning nicht bereit.

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