Zeitung Heute : "Bleibt nur ein Berliner Zimmer?"

THOMAS LACKMANN

Die Eröffnung der Ausstellung "Exil in Shanghai" und eine Protestveranstaltung für das Jüdische Museum am Martin-Gropius-BauDer heftige Abendhauch treibt ein flatterndes Plakat knatternd von der Topographie des Terrors an den Eingang des Martin-Gropius-Baus, wo sich rund 200 Berliner zum Protest versammelt haben.Hella Stern kämpft mit dem Megaphon um Lautstärke; ihr Statement zur schärfsten deutsch-jüdischen Kontroverse nach dem Krieg ist gerade zu verstehen."Es scheint ein neuer Wind zu wehen in Berlin", sagt die Vorsitzende der Gesellschaft Jüdisches Museum Berlin: Die umstrittene Verwaltungssatzung der Stiftung Stadtmuseum sei bewußt verabschiedet worden, als in der Jüdischen Gemeinde der Wahlkampf begann; gezielt sei die Kündigung des Museumsdirektors Barzel auf den Tag nach der Vorstandswahl terminiert worden.Man nutze die Schwäche der Gemeinde aus, um ihr den staatlichen Willen aufzudrücken, "den Einfluß der Juden in Berlin zu unterdrücken".Der Senat müsse von seinem hohen Roß.Berliner Geschichte "muß mit den Augen von Juden gesehen werden, die nicht vor den Regierenden kuschen" - in despotischen Strukturen sei das nicht zu realisieren.Leiser Beifall."Bewußt als nichtjüdischer Berliner" spricht der Anwalt Wolfgang Lüder.Wenn der Libeskindbau zu zwei Dritteln mit nichtjüdischen Themen besetzt werde, "bleibt zuletzt ein Berliner Zimmer für das, was geplant war? So können wir nicht mit unserer Vergangenheit umgehen!" Eine Enquete-Kommission sei keine Lösung."Lassen Sie Herrn Radunski und jene, die ihn unterstützen, nicht entwischen aus ihrer Konzeptionslosigkeit!" Die Versammlung wächst an durch heraustretende Museumsbesucher, eben war im zweiten Stock des Gropius-Baus die Ausstellung "Leben im Wartesaal.Exil in Shanghai 1938-1948" zu besichtigen.Solch einen Premienandrang Hunderter, die - mit Programmen fächelnd nach Luft schnappend - bis in den Gang stehen, hat die Jüdische Abteilung noch nicht erlebt.Doch die erwartete Politisierung spielt im Ablauf der Eröffnung keine große Rolle.Barzel, Direktor auf dem Schleudersitz, liest sein holpriges Israeli-Deutsch: "Wir wollen einen Ort schaffen, an dem die Geschichte der Juden in Berlin präsentiert werden soll, integriert in ihre komplexen historischen Zusammenhänge." Es gehe um ein außergewöhnliches Museum, um "Information durch Erfahrung".Die Ausstellung erzähle auch, wie Juden nach dem Holocaust zurückkamen "mit dem Glauben an ein anderes, demokratisches Deutschland, in dem sie ihr Leben aufbauen können.Die Verständnislosigkeit im Umgang mit jüdischer Geschichte, die uns gegenwärtig entgegenschlägt, läßt Zweifel aufkommen, ob diese Hoffnung berechtigt war".Im Mittelpunkt stehen an diesem Abend die anwesenden "Shanghailänder", unter ihnen Rabbiner Ernst M.Stein und Hellmuth Stern von den Philharmonikern.Ein Wiedersehen: heitere, düstere Anekdoten, Lebensweisheiten.Christine Fischer-Defoy vom Aktiven Museum weist auf ein Symposium zum Shanghai-Exil in der Gedenkstätte Wannseevilla hin, vom 20.bis 22.August; am 21.August, dem 50.Jahrestag der ersten Rückkehrwelle nach Berlin, werde am ehemaligen Görlitzer Bahnhof eine Gedenktafel installiert. Als Versammlung und Protest auseinanderlaufen, haben rund 300 Bürger am Portal des Gropius-Baus eine Resolution an den Senat unterschrieben, die fordert: Zurücknahme der Kündigung Barzels; Entzug der Weisungsbefugnis Generaldirektor Güntzers, Übertragung der Kompetenz für das Museum auf einen anderen Rechtsträger; Einbau demokratischer Kontrolle in die Satzungsstruktur; Umsetzung zugesagter kultureller Autonomie."Ich kenne Radunski, würde ihm keinen Antisemitismus vorwerfen", sagt Lea Rosh vom Förderkreis für das Holocaust-Denkmal."Aber dieser diktatorische Umgang mit Barzel: Was hat Radunski nur für Berater? Man muß doch einsehen, wenn etwas nicht geht - so kann es nicht gehen." THOMAS LACKMANN"Leben im Wartesaal.Exil in Shanghai 1938-1945": Martin-Gropius-Bau, bis 24.8.Di-So 10-20 Uhr; bis 27.7., auch montags - Filmprogramm zur Ausstellung: Kinosaal Gropius-Bau, 15.bis 27.7.

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