Zeitung Heute : Blick zurück nach vorn

In den 90er Jahren hatte die Jugend sich die Wut abtrainiert – dieses Gefühl galt als uncool. Erlebt die Wut gerade ihr großes Comeback?

Matthias Kalle

Vielleicht wird es zwölf Jahre dauern, vielleicht müssen sie so lange darauf warten. Vielleicht müssen sie Abstand gewinnen, älter werden, erwachsen. Vielleicht müssen sie sich verlieben, von zu Hause ausziehen, einmal auch grandios scheitern. Vielleicht müssen sie glücklich werden, vielleicht aber auch unglücklich und vielleicht müssen sie sich auch nur wundern, darüber, wie sie wurden, was sie sind. Aber vielleicht erinnern sie sich dann nicht mehr daran, an das Frühjahr 2003, an ihre Wünsche, Träume und Hoffnungen jener Zeit. Vielleicht läuft es bei ihnen genauso schief wie bei uns.

Bei uns war es so: Im Januar 1991, an dem Tag, als die ersten Bomben auf den Irak fielen, gingen wir, die damaligen deutschen Schüler, auf die Straße. Wir waren 14, 15, 16 Jahre alt, trugen „Kein Blut für Öl“-Plakate und weiße Binden am linken Oberarm - das hatten wir uns abgeschaut bei Gregor Gysi. Am ersten Tag dieses Krieges gingen wir nicht in die Schule, am zweiten Tag auch nicht, am dritten Tag gab es dann eine offizielle Regelung, die unseren Friedensdrang in geordnete Bahnen lenkte. Wir demonstrierten streng nach Stundenplan, damit dieser Krieg endlich aufhören würde. Aber schon bald, der Krieg dauerte noch an, waren wir nicht mehr auf den Straßen, sondern zurück in unseren Klassen. Wir waren schon immer gut darin, Dinge zu beenden, sobald sie uns langweilten.

Stolz auf diese deutsche Jugend?

Deutschland, im Frühjahr 2003. Als der Krieg beginnt, gehen in Berlin 500 000 Menschen auf die Straße. Ich sehe die Demonstranten, die meisten sind jünger als ich, nur wenige scheinen auch damals dabei gewesen zu sein und doch ähneln sich die Bilder, obwohl irgendwelche besserwisserischen Popjournalisten jetzt eine Umcodierung in der Protestästhetik entdeckt haben wollen, weil sie so dumm sind zu glauben, die Jugendlichen von heute seien besser angezogen, als die Jugendlichen von damals. Könnte vielleicht einfach auch etwas mit Mode zu tun haben. Es ist vor allem deshalb ähnlich, weil die Demonstranten von heute für ihr Engagement gelobt werden, von den Leitartiklern, den Intellektuellen, den Politikern. 1991 sagte der Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter in einem Interview: „Ich bin stolz auf diese deutsche Jugend.“ Und auch heute freuen sich die Alten, dass die Jungen ihre Ablehnung gegenüber einem falschen Krieg zeigen, aber wenn die Alten loben und stolz sind, dann kann irgendetwas nicht stimmen, dann macht man etwas falsch, dann ist man nicht wütend, jedenfalls nicht wütend genug.

Der Penner in der Oberstufe

Wir waren nicht wütend damals, wir haben versucht, uns unsere Wut abzutrainieren, denn Wut war uncool und sah nicht gut aus. Wut waren grobgestrickte Pullover und die Frisur von Rudi Dutschke, den wir von Fotos aus den Geschichtsbüchern kannten. Wütend waren hysterische Schülervertreterinnen, die sich dafür einsetzten, dass wir in den Pausen Müsli statt Schokolade kaufen mussten. Wut war irgendwie peinlich, nicht lässig und vor allem albern, denn auf was hätte man zu Beginn der 90er Jahre schon wütend sein sollen? Und so gingen wir 1991 ohne Wut auf die Straße, weil wir in Ruhe gelassen werden wollten. Wir wollten damals vor allem, dass alles so bleibt, wie es ist. Wir wollten keine Veränderungen in unserem Leben und wir fürchteten, dass so ein Krieg alles verändern würde, wir wollten weiterhin, dass es uns gut geht, wir wollten nicht, dass die Hoffnungen, die wir für unser Leben hatten, zerstört werden würden. Wir wollten weitermachen, und das ist uns auch ganz gut gelungen, jedenfalls zehn Jahre lang, die ganzen goldenen 90er Jahre hindurch, die damals noch vor uns lagen, von denen wir ahnten, dass sie großartig werden würden – wir hatten keinen Grund mehr, wütend zu sein und der Krieg störte uns, während wir uns in Ruhe auf die Zukunft freuten.

Heinrich Böll schrieb einmal: „Nie die Wut verlieren! Wir brauchen sie als Motor.“ Und das hat Gültigkeit. Wir müssen wütend sein, wir müssen die Wut in uns spüren, sie zulassen, uns an sie erinnern. Wie war das denn, als wir jung waren, also richtig jung, als wir die Wut noch spürten, bevor wir sie aufgaben? Wir waren wütend auf die ganze Welt: Darauf, dass sie so kompliziert zu sein schien, dass man allein war, nicht cool genug; wütend auf unsere Eltern, auf unsere Lehrer, auf den Penner in der Oberstufe, der mit dem hübschesten Mädchen der Schule zusammen war – ach, eigentlich waren wir wütend auf alle, denen es besser ging als uns selbst, vor allem aber waren wir wütend auf das Leben, das noch nicht richtig anfangen wollte. Irgendwann aber fing das Leben an, und als es uns plötzlich gut ging, hörten wir auf, wütend zu sein, so, als ob wir schon irgendein Ziel erreicht hätten. Wut war nur noch ein Videoclip von Nirvana, sie wurde eine Erinnerung an die Popkultur: „Weißt du noch, damals, als wir jung und wütend waren?“ Solche Sätze, die man halt so sagt, wenn man Ende 30 ist und vom Türsteher mit Handschlag begrüßt wird.

Einmal noch bekamen wir die Chance, wütend zu werden, das war, als in Genua Carlo Giuliani von einem Polizisten erschossen wurde und der erste Tote der Antiglobalisierungsbewegung wurde. Das hätte unsere Möglichkeit sein können, um uns gegenüber der Welt zu definieren, einen Standpunkt zu formulieren, zu sagen, womit wir nicht einverstanden sind, aber vor allem, uns selbst die Frage zu stellen, wie wir eigentlich leben wollen, was unsere Werte sein könnten, unsere Inhalte, unsere Debatten. Wir nutzen auch diese Chance nicht, wahrscheinlich waren wir einfach schon zu alt. Die aber, die jetzt auf den Straßen sind, die argumentieren nicht nur gegen den Krieg und für den Frieden - die reden auch von der Macht der Großkonzerne, von der Ausbeutung der Dritten Welt. Die Antiglobalisierungsorganisation Attac marschiert auf den Friedensdemonstrationen vorneweg und Schüler, die sich kaum an Genua erinnern können, wissen zumindest doch, dass da etwas passiert ist, das immer noch in ihr Leben greift.

Mit unserem Leben hatte das ja wenig zu tun, wir waren angekommen in unseren Jobs, in unseren Karrieren und haben uns in unserem Leben eingerichtet und aus der Wut von Genua wurde wieder ein Bestandteil der Popkultur. Die Firma „Rockstar Games“ brachte ein Computerspiel auf den Markt, in dem man eine Stadt in Schutt und Asche legen konnte - nicht als Bomberpilot oder als Soldat, sondern als Globalisierungsgegner mit Molotowcocktails. Wut wurde simuliert und stilisiert, sie wurde zu einer Attitüde, zu einer Pose. Wut wurde als das nächste große Ding verkauft, als die bessere Droge – Straßenschlachten als die besseren Partys. Der Soundtrack kam von Eminem, der passende Film war „Fight Club“, wo die Wut mystifiziert wurde, weil sich junge Männer prügeln, um ihre Lebendigkeit zu spüren in einer Gesellschaft, die alle anderen Empfindungen abtötet.

Wir, die Ende 20-Jährigen, wir haben unsere Chance vertan, weil wir aus der Wut ein schickes Accessoire gemacht haben, weil wir die Notwendigkeit der Wut irgendwann nicht mehr erkannt haben. Und unsere Nachfolger, die „Generation Golfkrieg“, die die Wut nur als unbestimmtes Gefühl kennt, scheut sich noch davor, sie auch einzusetzen, sie zuzulassen. Die wollen die Wut weghaben, vielleicht, weil sie Angst vor ihrer Kraft haben, weil sie nicht gelernt haben, mit ihr umzugehen. Aber die Wut, die nötig ist, die weder eine Flucht noch eine Attitüde ist, ist unerlässlich. Sie ist es in der Jugend, da aber noch als ein diffuses Gefühl, um sich gegen die Niederlagen und gegen die Demütigungen zu schützen. Doch wichtiger als die Wut als Schutz ist die Wut als Haltung: Wut schafft erst eine Haltung zur Welt, denn Wut hilft zu unterscheiden, zwischen dem, was man will und zwischen dem, was man nicht will. „Ich bin wütend“ meint am Ende doch nichts anderes als: „Damit bin ich nicht einverstanden. Ich wehre mich dagegen, so will ich es nicht haben.“

Das Gegenteil von Lethargie

Ist das der Satz, der die „Generation Golfkrieg“ irgendwann einmal beschreiben wird – natürlich nur für den Fall, dass es diese Generation fernab des Medienhypes überhaupt gibt. Im Moment wissen wir es nicht, wir Älteren können es den Jungen nur wünschen, dass sie nicht dieselben Fehler machen wie wir, als wir die Wut erst abschafften, sie dann zu einer Attitüde und einer Fluchtmöglichkeit werden ließen. Wir sollten hoffen, dass ihre Wut das Gegenteil von Flucht und Attitüde wird, und somit auch das Gegenteil von Lethargie. Denn wer wütend ist, der zweifelt, der staunt, der nimmt die Dinge nicht einfach hin, dem ist nicht egal, was passiert. Wut macht uns aufmerksam, neugierig, wachsam. Sie lässt uns verzweifeln und die Dinge neu überprüfen. Und sie lässt uns niemals gleichgültig werden.

Vielleicht wird es Jahre dauern, vielleicht müssen wir Abstand gewinnen, älter werden. Vielleicht müssen wir glücklich werden, vielleicht aber auch unglücklich und vielleicht müssen wir uns auch nur wundern, darüber, wie wir wurden, was wir sind. Vielleicht sollten wir uns erinnern, an das Frühjahr 1991, an unsere Wünsche, Träume und Hoffnungen jener Zeit, daran, was aus ihnen geworden ist. Und vielleicht kommt die Wut dann zu uns zurück.

Matthias Kalle, 27, schreibt gerade ein Buch über das Scheitern seiner Generation. Es erscheint im Herbst bei Kiepenheuer & Witsch.

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