Zeitung Heute : Blind date

Urban Media GmbH

Von Tobias Arbinger

Schon mal mit verbundenen Augen Kuchen gegessen? Nein? Grit Alack hat es versucht: „Man weiß man nie, ob die Gabel leer oder voll ist.“ Auch das Einschenken von Kaffee kann sich zum kleinen Problem entwickeln. „Zum Schluss hab ich den Daumen in die Tasse gehängt, um zu sehen, ob sie überläuft“, erinnert sich Alack. Die 41-jährige Friedrichshainerin hat sich gut vorbereitet auf ihren künftigen Beruf. Mit drei Partnern will sie Mitte Mai ein Restaurant eröffnen, in dem man ausschließlich im Dunkeln speist. „Nocti vagus“ – Nachtschwärmer – wird in der sanierten Backfabrik in Prenzlauer Berg eröffnet und 50 Gästen Platz bieten. Ungewöhnlich soll auch das Personal dieser neuen Eventgastronomie sein: Per Anzeige suchen die Betreiber derzeit nach Blinden oder Sehbehinderten, die als Kellner arbeiten. Acht Interessenten hätten sich bereits gemeldet, sagt Alack.

Empfangen werden die Gäste bei Licht. Darauf geht es eine Treppe hinunter, durch eine Schleuse in die Finsternis. „Dort wird man von Kellnern in Empfang genommen und an seinen Platz geleitet.“ Vor dem Essen gibt es ein Kulturprogramm: Jazz- oder Klassikensembles sollen spielen, Hörspiele gelesen werden. Nun wird serviert. „Wenn mir eine Musik sehr gut gefällt, oder etwas besonders lecker schmeckt, mache ich die Augen zu“, sagt Grit Alack. Auf dieses Phänomen setzt das „Dunkel-Restaurant“ - der Sehsinn wird ausgeschaltet, damit man das Schmecken, Hören und Tasten intensiver erleben kann.

Bislang steht Alack noch auf einer Baustelle. Der Küchenestrich ist frisch gegossen, Wände sind noch nicht verputzt, überall liegen Kabel herum. Die Vorbereitungen für die Neueröffnung der Backfabrik als Medienzentrum laufen auf Hochtouren. Die Angestellten der Firmen, die dort bald einziehen, wollen die „Nocti vagus“- Macher als erste Gäste gewinnen. Die Kellner sollen von Trainern des Blindenvereins ausgebildet werden. Sie können sich zwar in der Regel ohne Sehsinn fortbewegen, sollen die Gegebenheiten des Restaurants aber genau kennen lernen. Spezielle Einbauten werden den Blinden bei der Orientierung helfen: Festgeschraubte Tische, unterschiedliche Bodenbeläge und „Stoppleisten“, an denen die Kellner ertasten können, wo sie sich gerade befinden. Es soll sich immer ein Kellner in der Nähe der Gäste befinden. Für sie gibt es außerdem Sicherheitsknöpfe unterm Tisch. Im Notfall geht das Licht an.

Nicht jeder findet es gut, dass Sehbehinderte im Dunkeln arbeiten sollen. Einen makabren Scherz sah eine Anruferin in der Zeitungsanzeige. Alack urteilt anders: „Blinde helfen Sehenden, sonst ist es umgekehrt. „Nocti vagus“ ist nicht das erste Lokal dieser Art. In Köln und Zürich gibt es sie bereits, und das Kreuzberger Restaurant „Abendmahl“ bietet bis zu dreimal im Monat „Blind Date Dinner“ an. Im Kölner, wo ebenfalls Blinde beschäftigt sind, heißt es, dass gerade blinde Gäste das Lokal gerne besuchen und sehende Freunde mitbringen. Von einem „sehr sinnlichen Erlebnis“ spricht Udo Einenkel, der mit seinem vegetarischen Restaurant „Abendmahl“ Erfahrung sammelt. Hier liegt der Reiz zusätzlich darin, dass der Gast nicht weiß, was auf den Tisch kommt.

Nocti vagus, Saarbrücker Straße 36 bis 38, Prenzlauer Berg. Eröffnung: Mitte Mai 2002, Tel.: 44 34 12 73, Abendmahl, Muskauer Straße 9, Kreuzberg, Tel.: 612 51 70

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