Blühende Industrie : Die Taschen sind voll

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Eigentlich ist das ein schönes Problem: Fachkräftemangel. Noch gar nicht so lange her, dass wir hierzulande über Massenarbeitslosigkeit diskutiert haben. Das ist vorbei. Vor allem die produzierenden Unternehmen suchen qualifiziertes Personal. Metall- und Elektrofirmen, die den Kern der deutschen Industrie bilden, stellen bis Ende des Jahres rund 80 000 Leute zusätzlich ein. Damit ist der Stellenabbau aus 2008/2009 korrigiert und die Krise auch bei der Beschäftigung überwunden. Für das reine Geschäft gilt das schon länger und noch viel mehr: „Unsere“ Industriekonzerne verdienen so gut wie noch nie. Die Rendite großer deutscher Unternehmen liegt inzwischen über dem weltweiten Durchschnitt. Der kranke Mann Europas, über den vor wenigen Jahren gelästert wurde, hat die Taschen voll.

Die Halbjahresbilanz von Daimler und VW, Siemens, Bayer und BASF ist herausragend. Doch nicht für die Börsianer, die die jüngsten Zahlen mit zum Teil derben Kursabschlägen quittierten. Vielleicht deshalb, weil man bei guten Nachrichten seine Aktien verkaufen soll. Vielleicht aber auch deshalb, weil es nicht höher geht und also nur noch eine Richtung möglich ist – abwärts. Kann schon sein: Die Rohstoffpreise belasten, die Schuldenkrise ist nicht vorbei, China hat Probleme mit der Inflation und in den USA zocken womöglich die Republikaner mit ihrer irren Ideologie die wichtigste Volkswirtschaft ins Chaos.

Trotz alledem überwiegt die Zuversicht. Deutschland ist wegen der Industrie so gut aus der Krise gekommen. Dabei macht es die Mischung, das Miteinander von Weltfirma und Mittelstand. Wenn Daimler oder VW Milliarden in den USA und China investieren, profitieren auch die kleinen Zulieferer von der Schwäbischen Alb oder aus dem Sauerland. Die Technologieführerschaft in vielen Bereichen – Fahrzeugbau, Chemie, Maschinenbau – die sich der engen Zusammenarbeit von Wirtschaft und Wissenschaft sowie den qualifizierten Belegschaften verdankt, ist aktuell nicht gefährdet. Nicht nur deutsche Automarken sind weltweit das Maß aller Dinge. In zwei Dritteln aller Fachbereiche des Maschinenbaus sind deutsche Firmen Weltmarktführer. Für die großen Themen dieser Zeit – sparsamer Umgang mit Ressourcen, Klimaschutz, Ernährung, Gesundheit, Infrastruktur – hat die Industrie Lösungen. Kurzum, das Geschäftsmodell der Deutschland AG ist intakt.

Unter ein paar Voraussetzungen wird das auch so bleiben: Einigermaßen stabile Entwicklung in China, Indien, Brasilien und Russland; Erholung und Weiterentwicklung der Europäischen Währungsunion; keine Überlastung durch politisch bedingte Zusatzkosten hierzulande, beispielsweise infolge der Energiewende. Und schließlich qualifiziertes und motiviertes Personal. Bildung macht Profit. Dieser schlichte Zusammenhang ist noch nicht hinreichend erkannt. Weder in der Wirtschaft noch in der Politik.

Selbstverständlich müssen die Firmen ihre Ausbildungsbemühungen verstärken und dürfen sich nicht länger hinter der Jammerei über nicht ausbildungsfähige Schulabgänger verstecken. Und selbstverständlich hat das Bildungssystem – vom Kindergarten über die Schule und das Duale System, Hochschulen und Weiterbildungseinrichtungen – die Menschen so zu ertüchtigen, dass ihnen mit Hilfe der Erwerbsarbeit ein gutes Leben bis zur Rente möglich ist. Aktuell gibt es 2,9 Millionen Arbeitslose und eine Million offene Stellen – eigentlich eine Blamage für unser System.

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