Zeitung Heute : Blütenmeer im Schneeparadies

Literarisch veredelt, von Legenden umwoben: Kamelien können über 200 Jahre alt werden

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Die Kameliendame erfreut sich auch an den Düften dieser Pflanze. Sie verdankt ihren Namen dem Naturkundler, Arzt und Jesuiten...ddp

Als der reiche Bürgersohn Armand Duval die Kurtisane Marguerite Gautier trifft, lernt er schnell, dass man der Schönen nur eine einzige Blume schenken darf: Kamelien. So erzählt es Alexandre Dumas d. J. in seinem Roman „Die Kameliendame“ – und sorgte damit dafür, dass die winterblühende Pflanze bis heute vielen ein Begriff ist. Entdeckt wurde die Camellia japonica allerdings schon von Georg Josef Kámel (1661–1706) im fernen Ostasien. Als Apotheker der mährischen Brüdermission in Manila tätig, erforschte er intensiv die Pflanzenwelt der Philippinen.

Die ersten Kamelien kamen 1731 nach Europa, aber die Kultur bereitete anfangs Schwierigkeiten. Von den vier Pflanzen, die 1770 in berühmten Gärten wie Herrenhausen, Kew Garden bei London, Schönbrunn bei Wien und Pillnitz bei Dresden gepflanzt wurden, ist die Pillnitzer Kamelie die einzige Überlebende. Zunächst als Kübelpflanze kultiviert, wurde sie 1801 im Park ausgepflanzt und im Winter durch eine Holzverkleidung geschützt. Ab 1951 gab es eine feste Umbauung mit abnehmbaren Glasfenstern. Seit 1992 schützt die über acht Meter große Pflanze ein gläsernes Haus.

Die wohlgeformten, großen Blüten über dem glänzend dunkelgrünen Laub faszinierten die Blumenfreunde schon früh. Nach 1870 gehörten Kamelien etwa zwanzig Jahre lang zu den begehrtesten Schnittblumen und durften bei keiner Festlichkeit fehlen. Man verwendete sie zur Dekoration, trug sie im Haar, am Kleid oder als Brautstrauß. Anfang des 19. Jahrhunderts nahm die Kultur von Kamelien in Europa enormen Aufschwung. Neben England, wo Alfred Chandler aus Vauxhall 1824 die für den Massenanbau wichtige Sorte ,Chandleri elegans’ hervorbrachte, entstanden große Gärtnereien vor allem in Belgien und Deutschland. Hier begründete Jacob Friedrich Seidel (1789–1860) die Kamelienzucht. Während seiner Ausbildung im „Jardins des Plantes“ in Paris erkannte er die Bedeutung der Kamelie als Winterblüher und gründete 1813 mit seinem Bruder Traugott eine Gärtnerei in Dresden. Weitere Gärtnereien kamen dazu, 1887 gab es bereits 17 Spezialbetriebe.

Die Seidelsche Gärtnerei gilt als Wiege des erwerbsmäßigen Kamelienanbaus in Deutschland. Obwohl die Firma 1945 enteignet wurde, konnte die Sammlung als die traditionsreichste in Europa erhalten werden. Heute befindet sie sich in den Glashäusern im Botanischen Bonsaigarten von Pirna-Zuschendorf. Die größte Kameliensammlung in Deutschland findet man dagegen bei der Firma Peter Fischer in Wingst bei Cuxhaven, in der sich auch alte Sorten aus der Seidelschen Gärtnerei befinden. Auch viele Sorten im Botanischen Garten in Dahlem stammen aus Dresden: Nach dem zweiten Weltkrieg wurden sie nach Berlin gebracht.

Die Kamelien gehören mit 14 Arten der Gattung zur Familie der Teegewächse (Theaceae). In ihrer Heimat wachsen sie in meeresnahen, lichten Bergwäldern und steigen sogar bis in Höhen um 3000 Meter auf. Teilweise bilden sie eigene Wälder oder sind Bestandteil von Nadelwäldern, in denen Lärchen (Larix griffithi) dominieren. Hier können die immergrünen Pflanzen bis 10 Meter Höhe erreichen und verwandeln zwischen Januar und April ganze Waldbereiche in ein einzigartiges Blütenmeer.

Ein heller und kühler Winterstandort mit Temperaturen zwischen fünf und zehn Grad Celsius ist demnach ideal. Gleichmäßige Ballenfeuchte und Frischluft ohne Zug sind optimale Bedingungen für das Erblühen aller Knospen. Räume mit zu hohen Wärmegraden und trockener Luft vertragen Kamelien dagegen nicht gut, besonders bei wenig Licht. Das plötzliche Abwerfen der Knospen ist nicht die Folge von Drehen oder Bewegen der Pflanze, wie oft behauptet wird, sondern von Ballentrockenheit. Wer einen Balkon oder Garten hat, kann die Pflanzen ab Ende April dort an einen schattigen Platz stellen. Die frische Luft bekommt den Kamelien gut und die Sommerfrische fördert den Blütenansatz.

In der Hauptwachstumszeit von April bis August muss regelmäßig mit Regenwasser oder entkalktem Leitungswasser gegossen werden. Außerdem verabreicht man in dieser Zeit wöchentlich eine Gabe sauer wirkenden Volldünger, zum Beispiel im Handel erhältlichen Rhododendrondünger. Um die Reife der Triebe und die Ausbildung der Knospen zu fördern, hält man die Pflanzen im Juli und August trockener, wobei der Wurzelballen nicht völlig austrocknen darf. Sollen Kamelien verpflanzt werden, ist der Juni günstig. Man verwendet eine lockere Mischung mit saurer Bodenreaktion. Günstig sind Erden für Moorbeetkulturen, wie sie für Rhododendron angeboten werden, denen man etwas Sand zur besseren Drainage beifügt.

Da die meisten Kamelien leichte Fröste vertragen, kann man die Pflanzen erst einräumen, wenn die Temperaturen minus drei Grad Celsius unterschreiten. Große Temperaturunterschiede zwischen drinnen und draußen können zum Abfallen der Knospen führen. Am besten kommen die Pflanzen in kalte Räume wie unbeheizte Veranden oder Treppenhäuser.

Doch es gibt auch frostharte Sorten, die ganzjährig im Garten bleiben können (halbschattig bis schattig). Einige empfehlenswerte Sorten sind ,Adolphe Audusson’ (scharlachrote, große, halb gefüllte Blüten), ,Berence Body’ (zart rosafarben), ,Black Lace’ (samtig blutrot), ,Choso’ (weiß mit rosaroten Zeichnungen), ,Mansize’ (anemonenförmige reinweiße Blüten), ,Elegans’ (rosa), ,Exima’ (rot) und ,Freedom Bell’ (rot).

Bezugsquelle für Kamelien: Peter Fischer, Höden 16, 21789 Wingst, Telefon 04778/263, www.kamelie.de; Baumschule Härig, Hellbusch 8, 26197 Großenkneten, 04435/5619, www.baumschule-haerig.de

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