Zeitung Heute : Blütezeit in Gera

BERNHARD SCHULZ

Lokal, nicht provinziell: das Werk des Architekten Thilo Schoder in der Berliner Akademie der KünsteVON BERNHARD SCHULZDie deutsche Teilung hatte auch die Beschäftigung mit der Kultur der Weimarer Epoche zu einer geteilten Angelegenheit gemacht.Thilo Schoder beispielsweise lebte in Gera und war dort der bedeutendste Architekt des "neuen bauens".1932 ging er nach Norwegen, das Geburtsland seiner Frau; es war mehr ein von der wirtschaftlichen Not bedingter Umzug als eine Emigration - die es freilich sehr schnell wurde.Schoder blieb in Norwegen und faßte Fuß.In der alten Heimat knüpfte niemand an sein Werk an; und was er an Bauten geschaffen hatte, geriet im Laufe der Zeit "marode und angefressen".So beschrieb es kurz und treffend die Direktorin der Kunstsammlung Gera, Ulrike Rüdiger, die das Werk des 1888 geborenen und 1979 in der norwegischen Wahlheimat verstorbenen Architekten wiederentdeckt und erschlossen hat. Nutznießer dieser Arbeit ist die Akademie der Künste, derem reichen Archivbestand die Hinterlassenschaft Schoders jetzt zugewachsen ist.Mit einer "literarisch-musikalischen Soirée" wird am heutigen Abend (20 Uhr, Eintritt frei) zugleich des 110.Geburtstages des Architekten gedacht als auch die Einrichtung des Thilo-Schoder-Archivs gewürdigt sowie die Ausstellung eröffnet, die - in Gera zusammengestellt - von morgen an in der Akademie zu besichtigen ist.Schoder hat ein doppeltes Werk geschaffen; noch stärker als bei anderen Emigranten fällt es mit dem Wegzug aus Deutschland auseinander.In Norwegen hatte sich Schoder insbesondere an das hauptsächliche Baumaterial Holz zu gewöhnen.In Deutschland nahm er für die kurze Zeit der Stabilisierung der Weimarer Republik am dominierenden Funktionalismus teil.Diese erste Werkhälfte dokumentiert die Ausstellung mit dem ins Archiv gelangenden Material. In die Mitte der Halle 1 ist eine dreifache Koje hineingebaut, die im Inneren Originalzeichnungen, an den Außenwänden hingegen wundervolle Fotografien aus dem Jahre 1930 zeigt, als Schoder seine Arbeiten für eine Ausstellung ablichten ließ.Nach kunstgewerblichen Anfängen im Geiste Henry van de Veldes, dessen einziger Meisterschüler er war - sie sind in der Ausstellung mit im Familiensitz verbleibenden Möbel- und Objektentwürfen aufgefächert -, näherte er sich der geschmeidigen Eleganz eines Erich Mendelsohn.Ihren Höhepunkt fand diese Phase in der opulenten Villa Stross im böhmischen Reichenberg.Dann kam der funktionalistische Umschwung.Fabriken, eine kubisch klare Klinik, ein Privathaus in Bochum zeigen den zeittypisch souveränen Umgang mit Backstein.In den Siedlungen, die der mit vielen Künstlern der Zeit verkehrende Schoder nie bis zum erhofften Umfang, sondern allenfalls bis zu 50 Wohneinheiten ausführen konnte, kommen Putzflächen hinzu.Sechs Siedlungen wurden ausgeführt; es spricht Bände, daß der Volksmund seine Siedlungen als "Jerusalem" verhöhnte.Sie befinden sich, mit Ausnahme der mittlerweile restaurierten Geraer Anlage, in verunstaltetem Zustand. Die Übergabe des Schoder-Nachlasses an die Akademie ist übrigens ganz im Geraer Sinne; in Berlin, inmitten der Nachlässe so vieler bedeutender Zeitgenossen, wird der richtige Ort für die Erschließung des µuvres sein.In Gera selbst steht die Erhaltung, ja Rückgewinnung der ausgeführten Bauten an, und es ist nicht zuletzt das Verdienst der in dem als Werkverzeichnis angelegten Katalog sowie einer weiteren Monografie dokumentierten Arbeit Ulrike Rüdigers, daß diese denkmalpflegerische Arbeit sichtbar auf dem Wege ist. Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, bis 22.März.Katalog, hrsg.von Ulrike Rüdiger, Glaux-Verlag 48 DM.Ferner: Ulrike Rüdiger, Thilo Schoder, Glaux-Vlg., 68 DM.

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